Schmallenberg vor dem Wilzenberg
Wilzenberg im Winter

Gedanken zu den Evangelien

hier finden Sie die Predigtgedanken zu den Evangelien...

zum Nachlesen und, wenn Sie möchten, teilweise auch zum Nachhören!

Gedanken zum Evangelium vom 3. Sonntag im Jahreskreis

Kehrt um und glaubt an das Evangelium! (Mk 1, 14–20)

Im Markusevangelium hören wir: "Nachdem Johannes der Täufer ausgeliefert worden war, ging Jesus nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!

Als Jesus am See von Galiläa entlang ging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihre Netze auswarfen; sie waren nämlich Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, mir nach. Ich werde euch zu Menschen-fischern machen. Und sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach. Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her. Sogleich rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach."

Ich würde mal sagen: Ganz schön verrückt! Ganz schön verrückt diese jungen Männer die da alles stehen und liegen lassen, ihren Beruf, ihre Familie, ihre Heimat, und diesem Jesus folgen. Noch kennt ihn ja eigentlich keiner, will man meinen. Noch hat er keine großen Wunder vollbracht. Noch steht er ganz am Anfang seiner Verkündigung. Setzen wir diese Szene mal in die heutige Zeit. Da kommt, während Sie arbeiten, ein Mann, der sie auffordert alles loszulassen, den Job sausen zu lassen um ihm nachzufolgen. Wie würden Sie reagieren? Mein erster Gedanke wäre wahrscheinlich: „Ich bin doch nicht verrückt!“. Was wohl an dieser Situation so ungewöhnlich war, dass die Männer, die angesprochen werden, tatsächlich alles zurück lassen und mit diesem Jesus gehen? Schauen wir einmal hin. Die Römer waren die Herrscher in Israel. Sie hatten Land und Leute fest im Griff. Das erhöhte die Sehnsucht der Menschen, des jüdischen Volkes nach dem Messias, der sie retten und befreien möge. Eine große Sehnsucht war also in den Herzen dieser Männer. Vielleicht hatten sie schon hinter vorgehaltener Hand von diesem Jesus gehört, der da durchs Land zieht und zur Umkehr und Glauben an das Evangelium aufruft. Dann war da sicher auch eine große Portion Neugierde gegenüber Jesus. Aber das wirklich Entscheidende war dann wohl die Begegnung mit Jesus, von Angesicht zu Angesicht. Ich stelle es mir gerade vor. Jesus, ein schlicht gekleideter Mann, der nach der Beschreibung im Neuen Testament einen gütigen und wohlwollenden Eindruck macht, steht da und schaut ihnen zu. Was haben die Jünger wohl bei seinem Anblick gefühlt? Was ist in ihnen vorgegangen? Und dann kommt von Jesus nicht mehr (und nicht weniger) als die Aussage: „Kommt her, mir nach. Ich werde euch zu Menschenfischern machen.“(V.17) Das reichte ihnen. Sie mussten Jesu, trotz seiner menschlichen Gestalt seine Göttlichkeit angesehen haben, erkannt haben, dass er besonders ist. Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Jetzt brauchten sie nur noch den Mut, mitzugehen. Und sie hatten ihn, diesen Mut. Ich glaube, dass diese vier Eigenschaften der Männer am See auch ganz wichtig für uns und unsere Nachfolge Jesu heute sind. Es braucht Sehnsucht nach diesem Jesus, diesem Gott und Mensch, der die göttliche Liebe predigt. Es braucht Neugierde. Wer neugierig ist, der geht auch mal über seine Grenzen und aus seiner Komfortzone heraus um hinter das Geheimnis zu sehen. Es braucht Begegnung. Wenn wir immer nur ohne Rast und Ruh durchs Leben gehen, können wir ihn nicht sehen. Jesus hat uns sogar noch Hinweise gegeben, wo wir ihn finden. In den Armen, denen am Rande, den Menschen in unserem Umfeld, denen es vielleicht nicht gut geht, da braucht es unser hinsehen. Er hat auch darauf hingewiesen, dass wir selbst der Tempel Gottes sind. Da würde sich doch auch mal eine Begegnung in uns selbst anbieten. Aber in jedem Fall braucht es die Hinkehr zu ihm, vielleicht dann auch die Umkehr von manchen falschen Wegen, aber erstmal braucht es Zeit und Ruhe und Begegnung um IHN zu sehen, verhüllt, noch nicht von Angesicht zu Angesicht. Verhüllt, wie im Brot der Eucharistie. Und dann braucht es eine große Portion Mut. Mut, liebgewordenen Gewohnheiten loszulassen um für IHN Platz zu haben. Mut, alte Wege zu verlassen. Vor allem aber auch Mut, von ihm zu sprechen, von ihm zu erzählen, ihn zu den Menschen in der eigenen Umgebung zu bringen. Das geht tatsächlich nur, wenn er uns überzeugen kann. Lassen wir doch alle mal wieder die Sehnsucht in uns zu, werden wir neugierig und suchen wir Begegnung mit ihm. Ich glaube, dann können auch wir nicht anders, als für ihn unterwegs sein, in seinem Namen. Das heißt nicht immer, dass man alles Äußere und Heimat und Familie aufgeben muss. Aber es bedeutet vielleicht auch da von der Begegnung mit Jesus zu erzählen.

Ihre Sabine Jasperneite, Gemeindereferentin

Wenn Sie diese Gedanken auch hören möchten, finden Sie hier die Audidatei dazu:

Predigt am 3. So im Jahreskreis (Audio, 4 MB)

Gedanken zum Evangelium am 4. So im Jahreskreis


Gedanken zum Evangelium von der Taufe Jesu

Taufe - zu was? (Markus 1,7-11)

Als er aus dem Wasser steigt  -  ist er wie neu geboren worden. Dann fängt er an. Er tritt von nun an öffentlich auf, predigt in Synagogen, schart eine neue Gemeinschaft um sich, rettet Kranke, Verfolgte, Verlorene  -  und ruft auf zu neuer Gerechtigkeit, die alle, die zu viel haben an Besitz, Macht und Einfluss, zur grundlegenden Änderung ihres Lebens führen soll. Das alles kennzeichnet die Herrschaft Gottes, die mit ihm da ist, da sein kann, immer wieder da sein soll.

Die Taufe mit Wasser hat Jesus also wach gemacht für die Herrschaft Gottes nach rund 30 Lebensjahren. Der Gott seines Volkes ist ein Gott für alle Menschen, für das Leben in Fülle aller Menschen heute und ewig. Die Herrschaft Gottes ist nicht begrenzt auf seine Religion. Religionen interessieren ihn ziemlich wenig. Ihn interessiert der Mensch, ihn interessieren alle Menschen. Jeder und jede kann sich der Herrschaft Gottes anschließen, denn in ihr gilt: Du sollst deinen Mitmenschen lieben, wie dich selbst.

Die Taufe hat Jesus wach gemacht und sie soll viele Menschen, ja alle Menschen, wach machen. Sie soll das Böse in und unter den Menschen abwaschen. Sie sei wie ein Bad im Wasserstrom der Liebe Gottes.

Diese Taufe Jesu hat sich in seiner neu gegründeten Gemeinschaft, die sich Kirche oder christliche Gemeinde nennt, bewährt. Es ist die Taufe mit Jesu Geist, die bis heute an unseren Taufsteinen, gespendet wird  -  ob die Taufbrunnen nun in einer evangelischen, orthodoxen oder katholischen Kirche stehen.

Die Taufe hat Jesus wach gemacht zum Auftritt in seiner Welt. Hat die Taufe Dich und mich wach gemacht? Die Taufe, die ich als kleines Kind in einer Kirche empfangen habe?

Vielleicht wurde ich wach und habe geschrien, weil das kalte Wasser mich gestört hat. Und sonst? Motiviert mich meine Taufe?

Dies ist die kritische Frage an mich. Es mag die kritische Frage an uns sein, die wir getauft sind. Zu was macht die Taufe hier und heute wach?

  • Dass ich bete  -  aber das geht auch ohne Taufe. 
  • Dass ich versuche anständig zu leben  -  also nach dem, was das Gebot der Nächstenliebe beinhaltet. Das ist schwierig genug. Das geht auch ohne Taufe.
  • Dass ich tätig bin, damit andere leben können und sie Jesus mit seiner Botschaft kennenlernen. Das ist auch schwierig  -  aber es wäre eine Aufgabe als Getaufter, dass ich meine Begründung zu entschieden mitmenschlichem Handeln in der Welt nicht verschweige.

Taufe macht wach, um Jesus zu folgen, in einer von ihm gegründeten Gemeinschaft. Leider können wir wegen der Pandemie nicht wirklich zusammenkommen  -  nur in kleinsten Gemeinschaften. Das sogenannte Gemeindeleben ist wie das ganze gesellschaftliche Leben runtergefahren, um menschliches Leben zu schützen.

Macht die Taufe, macht also die Zugehörigkeit zu Jesus mich trotzdem wach in der Pandemie? Wieder eine gute Frage – wie ich meine. Für was bin ich aufmerksam geworden und bleibe ich wach?

  • Ich erfahre neu, dass das Selbstverständliche nicht einfach da ist: Die gesundheitliche Versorgung, die Ausbildung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen, die immer so wichtigen Konferenzen.
  • Ich frage ganz neu danach, was denn die Gemeinschaft mit Jesus in der Gemeinde ist, wenn keine Gottesdienste, wenn keine Versammlungen, wenn keine Veranstaltungen sind.
  •  Was bleibt, wenn kaum was bleibt an wirklicher persönlicher Gemeinschaft?

Es bleiben die kleinen Gemeinschaften, die kurzen, beiläufigen Begegnungen, die freundschaftlichen Bindungen  -  die bei Jesus auch da waren  -  denken wir an die letzten Begegnungen unter dem Kreuz: Maria, Johannes, die Frauen, Veronika, Simon von Cyrene  -  sie waren da und er war da  -  beieinander und füreinander.

Wer ist füreinander da in der Pandemie? Motiviert die Verbindung zu Jesus dazu, füreinander da zu sein?  Vermittelt die Gemeinschaft der Getauften Hoffnung und Zuversicht auf neuen Wegen, die sich in der Pandemie auf einmal auftun?

Jemand hat über die Getauften gesagt: Am Ende entscheidet, ob die Menschen, die eine Gemeinde bilden, einander Freunde sein können.   (Tedeum, 2021, S 61).

Dazu bin ich getauft worden. Damals  -  für heute  -  und für die Ewigkeit!

Am Ende entscheidet, ob die Menschen, die eine Gemeinde bilden, einander Freunde sein können.

Ihr Pfr.  Georg Schröder

Gebet: Guter Gott, der Geist, den du uns z.B. in der Taufe schenkst, ist nicht der Geist des moralischen oder theologischen Besserwissens. Es ist der Geist des Beieinanderbleibens, des Interesses aneinander, des Zuhörens und des gemeinsamen Ausharrens in Geduld. Stärke uns mit diesem Geist, damit wir einander und dich nicht verlieren. Amen.   (TeDeum, 01/2021, S. 101)

Wenn Sie die Predigt auch hören wollen, finden Sie hier die Audiodatei: Predigt Taufe des Herrn ( Audio, MP3, 2,5 MB)

Gedanken zum Evangelium vom 2. Sonntag im Jahreskreis

„Seht, das Lamm Gottes“ …schauen auf Jesus Christus (Joh 1, 35 – 42)

Ein beeindruckender, charismatischer  Mann  muss dieser Johannes der Täufer gewesen sein. Menschen hörten auf und  folgten ihm. Ob es ihm leicht gefallen ist, von sich weg auf jemanden anderes hinzuweisen, von dem  er spürte, dass er göttliche Kraft und Liebe ins sich trug mehr als alle anderen. Wir wissen es nicht. Doch seine Aufforderung „Seht, das Lamm Gottes“ hat Konsequenzen. Die Jünger, die in der Nähe waren, wurden hell-hörig und  so offen, dass sie sich auf die Begegnung mit diesem Jesus, dem Lamm Gottes, einlassen konnten. Sie haben der Weg-Weisung von Johannes vertraut und konnten im Laufe der nächsten Zeit entdecken, wie Jesus mit seiner Botschaft  auch für sie zum Weg, zur Wahrheit und zu ihrem Lebensgrund wurde.

Seht, das Lamm Gottes – ein Satz, der Einzug gehalten hat in die Liturgie der Kirche. Er beinhaltet die Einladung hinzuschauen mit den Augen des Glaubens auf diesen Jesus Christus, der sein Leben hingegeben hat, um unser Leben von aller Brüchigkeit zu heilen und in eine Zukunft zu führen, die ewig ist und voller Heil.  Unzählige Male habe ich diesen Satz wie vermutlich viele von Ihnen auch als Begleitwort beim Brotbrechen und als Einladung vor dem Kommunionempfang gehört. In diesem kleinen Stück Brot begegnet mir Jesus Christus selbst  und  schenkt mir seine Liebe, seinen Frieden  Als Kind habe ich meinen  Eltern, der Religionslehrerin, dem gütigen Dorfpastor vertraut und ihren Weg-Weisungen, dass diese Worte ihren Sinn haben. Zudem fand ich die Prozessionsfahnen und bildlichen Darstellungen in den Kirchen und Kapellen mit dem Osterlamm und der Siegesfahne durchaus schön. Als Jugendliche begann das kritische Hinterfragen. Ein Lamm, Symbol für Wehrlosigkeit, Geduld und Friedfertigkeit als Symbol für einen Gott, mit ich doch die Welt verändern wollte. Der Zugang wurde zugegeben schwieriger. Als Studentin kamen Erkenntnisse aus den verschiedensten Sparten der Theologie hinzu. Ich kann mich an heftige Diskussionen erinnern über Kreuzestod, Erlösung, Auferstehung und  die Bedeutung von Eucharistie. Ich möchte sie nicht missen, weil für mich Nachdenken und Nachfragen auch schon immer ein Ausdruck des Glaubens ist – Gott sei Dank auch heute noch.

Seht, das Lamm Gottes – Was verbinden  Sie mit dieser Einladung, wenn Sie ihr als Christin oder Christ  folgen? Sind es Phasen guter Gewohnheit bei der Mitfeier der Hl. Messen und dem Kommunionempfang oder besonders intensive religiöse  Erfahrungen bei wichtigen Ereignissen im Leben? Ist es der Einsatz für Projekte der Nächstenliebe und Solidarität? Vielleicht haben Sie sich aber auch schon manches Mal die Frage gestellt, was bedeutet mir dieser Jesus Christus wirklich und ganz persönlich, sein Weg zum Kreuz, sein Tod und seine Auferstehung, seine Verheißung, dass mir ein Leben in Fülle geschenkt wird? Ähnlich wie Johannes der Täufer faszinieren mich auch heute  Menschen, die überzeugend und authentisch die Einladung weitergeben „Seht, das Lamm Gottes – Seht auf diesen Jesus Christus“ und die gleichzeitig unseren Blick weiten „Seht auf die, die in denen er Euch begegnet“: Seht auf die, die an den Rand gedrängt werden, auf die, die unter Hunger und Gewalt leiden! Seht auf die, die einsam sind und große Sorge vor der Zukunft haben! Und vielleicht würde Jesus selbst ergänzen. „Seht auch auf die Kirche, die Ihr die meinige nennt, und seht, wo ihr mir und meiner Botschaft wirklich Raum gebt…“

Ihre Bernadette Klens, Gemeindereferentin

Wenn Sie diesen Text auch hören möchten, finden Sie hier die Audiodatei: Predigt 2. Sonntag im Jahreskreis (Audio, MP3, 1,7 MB)


Ein Segen für das neue Jahr

Neujahr 2021 - Gedanken zur Lesung-Numeri 6,22-27


Die Erste Lesung zum Hochfest der Gottesmutter / Neujahr ist ein Segenswort aus dem Buch Numeri 6,22-27:

Der HERR sprach zu Mose: Sag zu Aaron und seinen Söhnen: So sollt ihr die Israeliten segnen; sprecht zu ihnen: Der HERR segne dich und behüte dich. Der HERR lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der HERR wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen und ich werde sie segnen.

Der sogenannte Aaronitische Segen steht also am Anfang eines Neuen Jahres. Es ist ein bekanntes Segenswort in unseren Kirchen unterschiedlicher Konfession. Es ist die Zusage, dass der HERR, also der unbegreifliche Gott, bei seinen Leuten ist, ihnen Gnade erweist und Frieden schenkt. Der HERR meint es also gut mit denen, die sich ihm anvertrauen. In dem Frie-denswunsche steckt aber auch die Zusage, dass er es gut meint mit allen Menschen. Denn Frieden gibt es nur, wenn alle ihn wollen, ob sie nun an den HERRN glauben oder nicht.

Wie wird aber dieser Segen verwirklicht unter uns?

Er wird verwirklicht durch uns, die wir uns segnen lassen. Wir lassen die gut meinenden Worte in uns wirken und verwirkli-chen sie durch unser Tun. Wir Menschen segnen also auch.

In den vergangenen Tagen (27.12.2020) wurde mir im Te Deum – das Stundengebet im Alltag dieses Segenswort zugespro-chen, ein Wort, das den aaronitischen Segen umsetzt in mein und unser Leben. Gott, segne uns mit Menschen, zu denen wir gehören. Segne uns mit Menschen, denen wir vertrauen. Segne uns mit Menschen, an denen wir wachsen können. Segne uns mit Menschen, mit denen wir zusammen glauben und beten dürfen. Amen.

Dieses Segenswort möchte ich uns in die Zukunft des neuen Jahres 2021 führen lassen:

Gott, segne uns mit Menschen, zu denen wir gehören. Zu wem gehöre ich heute und im kommenden Jahr? Zu wem kann ich gehen, wenn ich niedergeschlagen bin? Wer ist da für mich und für wen bin ich da während der bleibenden Corona-Pandemie?

Segne uns mit Menschen, denen wir vertrauen. Wem vertraue ich voll und ganz und wem nicht mehr? Wes-sen Vertrauen möchte ich im neuen Jahr gewinnen und was tue ich dafür an vertrauensbildenden Maßnahmen? Wem ver-traue ich in der Kirche, in der Politik, in der öffentlichen Meinung?

Segne uns mit Menschen, an denen wir wachsen können. Mit wem bin ich im kritischen Gespräch und höre ihr oder ihm zu? Lasse ich gut begründetes Wissen und Argumente an mich heran und korrigiere mein Verhalten zum Wohle der an-deren und auch zum eigenen Wohl im Umgang mit dem Corona-Virus, in meinem Lebensstil (Klimawandel), bei handfesten Konflikten?

Kann ich mit gemeinsam errungenen Entscheidungen leben, auch wenn sie nicht so ausgefallen sind, wie ich es wollte? Und wenn ich Macht über andere besitze durch meine Stel-lung in der Familie, in der Kirche, im Beruf  -  wie gehe ich damit um? Achte ich die anderen, die von mir abhängig sind, und erwachsen daraus überzeugende Entscheidungen?

Segne uns mit Menschen, mit denen wir zusammen glauben und beten dürfen. Das ist heutzutage ein großartiges Geschenk, wenn ich mit anderen zusammen glauben kann. Meistens geschieht das bei mir entweder in einem Gottesdienst, in dem durch seinen Ri-tus jeder und jede geschützt ist mit seinem oder ihrem Glau-ben, oder aber in einem Gespräch, das offenbart, was und wie ich glaube.

Das gemeinsame Beten ist ein noch größeres Geschenk, und bedarf eines Rahmens, in dem jeder und jede überzeugt und vernünftig mitbeten kann. Überlieferte Gebete wie z.B. das Vaterunser sind immer eine große Hilfe.

Gott, segne uns mit Menschen! Unsere kirchlichen Gemeinschaften unterschiedlichster Art haben in 2021 und darüber hinaus eine gute Zukunft, wenn ich, wenn wir diese gesegneten Menschen sind. Bin ich dabei? Bist Du dabei? Lasse ich mich dafür segnen? Lässt Du Dich dafür segnen.

Ich hoffe für Dich und für mich und für uns, dass es so sei. Amen.

Ihr Pfr.  Georg Schröder

Wenn Sie die Neujahrsprigt auch hören wollen, finden Sie hier die Audiodatei: Predigt Neujahr 2021 (Audio, MP3, 3MB)

Predigt Weihnachten 2020

zu "Blinde Passagiere" von Johannes Örding - 2020


Wir können die Brücken nicht mehr sehen

Zu viele Mauern aus Zement
Wir spüren nicht mehr, was uns verbindet
Nur diese Kälte, die uns trennt
Wir sind 'n kleiner Teil des Ganzen
Doch können das Ganze, das Ganze nicht mehr teilen
Sind so unendlich viele Menschen
Aber viel zu oft allein

Wir sind wie blinde Passagiere
Treiben einfach so umher
Auf 'ner kleinen blauen Kugel
Durch das große schwarze Meer
Wir sind wie blinde Passagiere
Wissen nicht, wohin es geht
Und wenn man irgendwann aussteigt, will doch jeder sagen:
Wir ha'm geliebt, wir ha'm gelebt

Es lag noch nie in unseren Händen
Wir werden irgendwo geboren
Manchmal mit Löchern in den Taschen
Manchmal in Silber ohne Sorgen
Mal haben wir weniger als nichts
Doch machen mehr als alles, mehr als alles draus
Mal kriegen wir 'nen Platz am Fenster, ohh
Aber gucken gar nicht raus

Wir sind wie blinde Passagiere
Treiben einfach so umher
Auf 'ner kleinen blauen Kugel
Durch das große schwarze Meer
Wir sind wie blinde Passagiere
Wissen nicht, wohin es geht
Und wenn man irgendwann aussteigt, will doch jeder sagen:
Wir ha'm geliebt, wir ha'm gelebt
Wir ha'm geliebt, wir ha'm gelebt

Wir sind wie blinde Passagiere
Treiben einfach so umher
Und wenn man irgendwann aussteigt, will doch jeder sagen:
Wir ha'm geliebt, wir ha'm gelebt

Wir sind wie blinde Passagiere
Treiben einfach so umher
Auf 'ner kleinen blauen Kugel
Durch das große schwarze Meer
Wir sind wie blinde Passagiere
Wissen nicht, wohin es geht
Und wenn man irgendwann aussteigt, will doch jeder sagen:
Wir ha'm geliebt, wir ha'm gelebt

Bei einer der vielen TV-Diskussionen über die Corona-Pandemie hat zum Schluss Johannes Örding dieses Lied gesungen. Es besingt, so meine ich, das Lebensgefühl vieler Menschen in diesem Corona-Jahr 2020.

Lied einspielen

  • Wir sind auf dieser Erde und rasen auf ihr durch das Weltall. Wir wissen nicht, wohin es geht, außer, dass es um die Sonne geht und irgendwann mit uns nicht mehr weiter geht auf dieser Erde, wenn wir so leben wie wir leben, mehr gegeneinander als mitei-nander.
  • Wir sind wie blinde Passagiere auf einem Schiff, fühlen uns nicht unbedingt willkommen, weil Grenzen vor Flüchtenden geschlos-sen werden, weil kranke Menschen in Pandemie-Zeiten nicht besucht werden dürfen, weil wir hinter den Mauern unseres Zuhauses bleiben müssen, um uns nicht mit dem Virus anzustecken.
  • Wir sind so viele, 7,5 Milliarden  -  und doch oft alleingelassen, selbst in unserer hoch entwickelten Gesellschaft. Und wer hat schon einen Gesamtüberblick über die Weltprobleme, über die Entwicklungschancen und die politischen Kräfte?

Wann werden wir als blinde Passagiere sehend? Wann können wir in all den großen und kleinen Problemen hoffen, dass diese kleine blaue Kugel wertvoll bleibt für uns?
Wenn wir zurückblickend feststellen: Wir haben geliebt. Wir haben gelebt.

„Liebe und Leben“ ist die Botschaft von dem, der diese kleine blaue Kugel ins Weltall geworfen hat, denn ich sehe unseren christlichen Glauben mit dem Lebensgefühl dieses Liedes verflochten. Wenn Menschen von unserem Gott etwas erfahren haben, dann, dass der so Unbegreifliche Liebe und Leben will auf dieser kleinen blauen Kugel mit 7,5 Milliarden Menschen.

Einer von diesen Milliarden Menschen leuchtet als Liebe glasklar und lebt vollkommen  -  Jesus von Nazareth. In ihm lebt auf das Reich Got-tes, das Reich der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Friedens. Er macht das bis zum Ausstieg am Kreuz. Er ist nicht wie ein blinder Passagier  -  nein, er zeigt sich, ist mutig und bereit zum Konflikt, um für unbedingte Liebe und für qualitatives Leben einzutreten. Er hat geliebt, er hat gelebt  -  einzigartig vor 2000 Jahren. Sein Geist motiviert Menschen damals, heute und morgen. Er ist universal wirksam nicht nur in Christinnen und Christen.

Seine Geburt ist es wert, dass wir sie feiern. Wir feiern sie richtig, wenn wir jeden Abend sozusagen beim täglichen Ausstieg resümieren:
Wir haben geliebt, wir haben gelebt.

Dann wäre jeder einzelne Mensch ein sichtbares Zeichen für alle ande-ren Menschen, dass die Erde da ist für alle, dass jeder Mensch sein darf, dass Solidarität positiv wirkt.

Ist unser wunderbarer, blauer Planet mit dem Menschen Jesus und mit allen, die in seinem Sinne zu leben versuchen, nicht wie ein Zeichen, das Gott uns gegeben hat? Ein Hort der Liebe inmitten kalter Dunkel-heit? Eine Krippe des Lebens für die ganze Menschheit?

Wir wissen nicht wohin es geht, aber wir können Geborgenheit ver-schenken, Liebe teilen und Leben gönnen  -  weltweit. Dies wäre Weih-nachten für alle auf der kleinen blauen Kugel. Wir sind wie blinde Passagiere, die einander ansehen  -  liebevoll und lebenshungrig.

Ihr Georg Schröder, Weihnachten 2020

Einen Gruß zum Weihnachtsfest finden Sie auf dem YouTube Kanal des Pastoralverbundes!

Gedanken zum Evangelium am 3.Advent 2020

Da fragten sie ihn: Wer bist du? (Joh 1, 6-8.19-28)

„Wer bist Du?“ – „Ich bin nicht Frau Müller.“ 

Auf eine genaue Frage nach der Identität eine so ungenaue Antwort zu bekommen, stellt die Geduld auf die Probe. Stellen Sie sich das mal bei sich zu Hause an der Haustür vor oder an Ihrem Arbeitsplatz. Leute in Uniform klingeln und fragen: „Wer bist Du?“ Und Sie antworten: „Ich bin nicht Herr Kalkowski.“ So war die Szene vor 2000 Jahren. Johannes der Täufer bekommt von einer offiziellen Kommission aus Tempelangestellten (Priester und Leviten) die präzise Frage nach seiner Identität gestellt und antwortet ungenau. „Wer bist Du?“ – „Ich bin nicht der Messias!“ Erhielte vor Gericht der Richter nach einer Frage zur Identität eines Prozessbeteiligten eine solche Antwort könnte er auch ungeduldig werden: „Wer sind Sie?“ – „Ich bin nicht der, den Sie hier erwarten!“ 

Vielleicht ist es umgekehrt das, was Johannes den Täufer nervt: die falschen Erwartungen oder einengenden Schubladen, die Fragesteller haben können. Mächtige können es nicht ertragen, dass sie Konkurrenz bekommen und fürchten darum jeden. Ein Messias ist eine Gefahr. Ebenso ein Prophet, der für Aufruhr sorgt. Eiferer können Abweichler nicht dulden. Wer von ihrer Lehre abweicht ist eine Gefahr, die frühzeitig weggesperrt gehört. Vielleicht hilft es aber auch Johannes, dass er sich selbst vergewissert, was er kann und was er nicht kann. Was er möchte und was er nicht will. Darum empfinde ich für mich die Frage an Johannes den Täufer „Wer bist Du?“ sehr passend. Es passt für mich in den Advent, mir selbst diese Frage zu stellen: Wer bist Du? Kann ich, wie Johannes der Täufer, Platz machen für den, der da kommen soll, für den Messias? Kann ich mich wie Johannes der Täufer abgrenzen von falschen Erwartungen und Ängsten um mich herum? Weiß ich, was ich Weihnachten möchte und was ich nicht möchte? Sind mir die ermutigenden Botschaften wichtig, wie sie für Johannes den Täufer bedeutsam sind, und er sie am Jordan weiter erzählt? Johannes der Täufer ist die Gestalt des Advent und für die Menschen vor 2000 Jahren eine Herausforderung mit seinen Predigten und der Taufe zur Umkehr. Seine Botschaft, dass der Messias kommt hat sein Herz erfüllt und er hat sehr konsequent davon weiter erzählt. 

Darum ist diese Botschaft eine Herausforderung vor 2000 Jahren aber auch genauso für uns in diesem Jahr 2020. Diese Worte des Johannes entlasten: Der Retter der Welt wird kommen und ich brauche es nicht zu sein. Johannes hatte das für sich klar und ich –hoffentlich!- auch. Dennoch brauchen auch in diesem Jahr die Menschen Mut machende Botschaften. Wie Johannes der Täufer kann ich aufbauend auf Weihnachten verweisen. Jesus ist der Messias – der Retter der Welt - und er wird kommen. Das ist die Botschaft von Johannes auch an mich. Diese Predigt kann mich entlasten und befreien. Und mit dieser Botschaft im Herzen gelingt es mir dann vielleicht auch eine schöne Geste oder das richtige Wort zu finden, für die Nachbarin, die alleine lebt, für den Obdachlosen, der vor der Tür steht, für den Flüchtling am Rande des Dorfes...

„Wir sagen Euch an den lieben Advent.
Sehet, die Dritte Kerze brennt.
Nun tragt eurer Güte hellen Schein
weit in die dunkle Welt hinein.“
GL 223, 3

Einen gesegneten Dritten Advent
Ihr Erik Richter

Wenn Sie diesen Text auch anhören möchten, finden Sie hier den Link dazu:

Gedanken zum Evangelium am 3. Advent (Audio, 1Mb)

Gedanken zum Evangelium am 4.Advent 2020

...mir geschehe, wie du es gesagt hast. (Lk 1, 26-38)

Liebe Mitchristen, 

ich bin richtig froh, dass Maria „Ja“ gesagt hat. Ich bin so froh, dass durch ihr „Ja“ Jesus Christus ins Leben von uns Menschen, aber auch in mein ganz persönliches Leben, treten konnte. Jesus ist mein Halt, mein Schutz und mein Anker. Das kann ich aus tiefstem Herzen sagen. Ich kann mir ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Aber hätte ich so einfach „Ja“ sagen können, wie es Maria getan hat? Das frage ich mich manchmal und eine ehrliche Antwort ist, dass ich es wahrscheinlich nicht so einfach hätte sagen können. Was würden Sie aus Ihrer Sicht auf diese Frage antworten? Umso mehr bewundere ich diese Frau, Maria, die ohne zu wissen, was genau auf sie zukommt, „Ja“ gesagt hat. Wie wir aus der Bibel wissen, war das, was dann folgte, alles andere als einfach. Beginnend mit der Tatsache, dass sie ihrem Verlobten erklären musste warum sie schwanger war. Dann der beschwerliche Weg nach Bethlehem, die Geburt, die Flucht nach Ägypten, die vielen Jahre der Kindheit Jesu und dann, als Jesus wirkte, die vielen Reaktionen auf ihn bis hin zur Kreuzigung, die sie mit anschauen musste. Nein, dieses „Ja“ hat ihr viel Unruhe und Schmerz gebracht. Natürlich wusste sie das nicht, aber ich denke, auch wenn sie es gewusst hätte, wäre ihr „Ja“ aus dem tiefen Vertrauen auf und in Gott vorbehaltlos gewesen. Das finde ich, im wahrsten Sinne des Wortes, stark! Sie hatte so ein großes Vertrauen in die Allmacht und das Wirken Gottes. Sie vertraute darauf, dass alles Schwere einen Sinn hat und für ein größeres Ziel, das nur Gott erkennen kann, passiert. Ich wünschte, ich könnte genauso vertrauen wie Maria. Ohne Wenn und Aber, ohne Gott meine eigenen Wünsche aufzudrängen, weil ich vermeintlich gut oder besser weiß, was die Welt braucht, was ich persönlich brauche. Ziemlich bewusst ist mir dies geworden, als ich für das Ende der Pandemie beten wollte. Diese schreckliche Krankheit, die so viele Menschen auf der ganzen Welt getroffen hat, ob körperlich oder seelisch. In dem Moment, wo ich nach Worten für mein Gebet suchte, kam mir der Gedanke: Glaubst du wirklich, dass Gott daran etwas ändern kann oder ändern will? Um was willst du ihn bitten? Warum hat er denn nicht schon längst etwas getan? Diese Gedanken quälen mich immer mal wieder, da bin ich ganz ehrlich. Und es macht mich traurig, dass ich, trotz meiner großen Liebe zu Jesus Christus, so denke und mein Glaube dann doch so schwach ist. Da kann mir Maria echt ein Vorbild sein. Sie glaubte ohne Vorbehalte. Sie glaubte den Worten „Fürchte dich nicht“ und nahm die Worte des Engels, so schwierig sie zu verstehen waren, für wahr. Dann sprach sie diese Worte, die ich dann in meiner Unbeholfenheit auch manchmal nachspreche, in der Hoffnung, dass sie in mein Herz sickern: Mir geschehe nach deinem Wort.  Was spüren Sie in sich, wenn Sie an ihr Vertrauen zu und in Gott denken? Kann Maria auch für Sie ein Vorbild sein? Es ist, glaube ich, menschlich, dass beides im Menschen vorhanden ist: das Zweifeln und manchmal auch Verzweifeln und die tiefe innere Gewissheit, dass Gott in uns, in unserem Leben wirkt. Wenn wir uns vorbehaltlos auf seine Führung einlassen, dann wird das Leben zu einem Abenteuer. Er zeigt uns seine Wege, mit so manchem Wunder, denn für Gott ist nichts unmöglich.

Ihre Sabine Jasperneite, Gemeindereferentin

Wenn Sie diesen Text auch anhören möchten, finden Sie hier den Link dazu:    Gedanken zum Evangelium am 4. Advent (Audio, MP3, 4MB)

Gedanken zum Schrifttext am ersten Adventssonntag 2020

»Reiß doch den Himmel auf und komm herab!« (Jes 63,19)

Christliche Glaubenszusagen und unsere Lebenswirklichkeit  -  passt das alles noch zusammen?

Der Glaube sagt uns z.B., dass Gottes Schöpfung eine gute Schöpfung sei. »Gott sah alles an, was er gemacht hatte: es war sehr gut« (Gen 1,31). Der Glaube sagt uns weiter, dass Gott das Heil aller Menschen will und wir Menschen heilsam miteinander umgehen sollen.

Dagegen erfahren wir: Wirbelstürme zerstören menschliche Siedlungen. Viele Arten von Tieren und Pflanzen sterben aus durch menschenverursachten Klimawandel. Kriege nehmen kein Ende. Die Pandemie ist nur sehr mühsam zu bekämpfen und fordert unschuldige Opfer. Hinzu kommen all die Brüche und Zerreißproben im persönlichen Miteinander, wenn Absprachen nicht eingehalten werden, wenn Regeln hintergangen werden, wenn eigene Interessen nicht abgewogen werden mit dem Interesse des Gemeinwohls einer Gruppe, einer Gemeinde, eines Staates.

Man möchte aufschreien und als gläubiger Mensch seinen Gott, den guten Schöpfer aller Dinge, den Schöpfer des Menschen, in die Verantwortung nehmen: Hast du diese schrecklichen Webfehler im Kleid deiner Schöpfung und im Gewand des Menschen »übersehen«? Was hast du dir bloß dabei gedacht? Es ist so schwer, Gott,  dich als den menschenfreundlichen und lebensspendenden Gott zu verehren, und gleichzeitig zu erfahren, dass hier auf deiner Erde so vieles drunter und drüber geht.

Wo ist denn unser Gott, wenn es der Welt und vielen Menschen unverschuldet dreckig geht? Seit dem Holocaust, seit der systematischen Ermordung von 6,5 Millionen gottgläubigen Juden durch gottgläubige Christen ist diese Frage eine Bruchstelle in unserer Christentumsgeschichte.

In der tiefsten Not gefühlter Gottverlassenheit, in dem Elend durch die Vertreibung aus der gottgeschenkten Heimat und während der Gefangenschaft in Babylon  -  in diesem Elend findet das Volk Gottes  -  findet Israel  -  findet das Judentum den Weg des Gebetes: Gott  -  Reiß doch den Himmel auf, und komm herab! Hättest du doch den Himmel zerrissen und wärest herabgestiegen, so dass die Berge vor dir erzitterten.

Welches Anliegen steckt dahinter? Um die Not zu wenden, muss Gott seinen Himmelsvorhang aufreißen und hervortreten. Er muss herabkommen in diese miserable Welt. Dieser Schrei wird zur Anklage: Komm herab und schau dir deine gute Schöpfung an, schau dir an, was daraus geworden ist!

Der Notschrei des Propheten Jesaja aus dem 6. Jahrhundert vor Christus wurde zu dem beliebten Adventslied »O Heiland, reiß die Himmel auf!« (GL 231) Friedrich Spee verfasste das Lied 1622 in den ersten Jahren des Dreißigjährigen Kriegs, in einer Zeit, die geprägt war vom Morden im Namen Gottes, überzogen von Hunger und Elend.

Spee ist besonders bekannt geworden durch seine leidenschaftliche Kritik am Unrecht der Hexenprozesse. Da hat er anonym eine Wende bewirkt  -  anonym, weil er sonst selber durch die Kirche auf dem Scheiterhaufen gelandet wäre.

Dieses Adventslied hat nicht den
schönen Klang von Stille Nacht. Es singt laut heraus die Sehnsucht nach
einer neuen Schöpfung, geschaffen durch den Heiland, den neuen Menschen.
Es besingt eine neue Schöpfung für alle  -  einen neuen Himmel und eine
neue Erde.Tragen wir diese Sehnsucht in uns? Oder haben wir uns
arrangiert mit den Bruchstellen des Lebens  -  dem Abbruch vom Guten,
Schönen und Heilsamen?

Der Schrei »Reiß doch den Himmel auf und komm herab!« ist der verzweifelte Wunsch an Gott, doch um Himmels willen die Schöpfung nicht sich selbst zu überlassen.

Und was durfte Israel erfahren? Sie wurden befreit aus Babylon, fielen aber wieder in die alten Fehler. Dann kam einer, der aus unserer christlichen Erfahrung eine neue Schöpfung war: Jesus von Nazareth. Neue Schöpfung? Wie das? Was hat er getan? Er hat keine Erdbeben beseitigt, keinen Krieg beendet und keine neue Welt für alle geschaffen. Er war kein heldenhafter Retter, Politiker oder Machthaber.Er hat aber die Not seiner Mitmenschen glasklar gesehen. Er hat die Menschen in ihrer Not angesprochen und etwas mitgeteilt, das ihnen irgendwie einen neuen Anfang ermöglichte.

Sein befreiender Blick auf das Los der Menschen und sein Beispiel, dass Gerechtigkeit getan werden kann bis zur Selbstaufgabe, er selbst also war überzeugend, war wie ein offener göttlicher Himmel für seine Zeitgenossen.

Jesus hatte kein einziges egoistisches Interesse. Einziges Interesse war, vom Reich Gottes mitzuteilen  -  von einem Reich, das uns Menschen immer neu machen wird und jetzt schon neu machen kann. Dieses Reich ist wie eine Neuschöpfung hier und jetzt und nach dem Tod. Dieser Mensch Jesus konnte die Bosheit in seiner Welt zwar nicht beenden, aber er war im Bösen nicht böse. Er lebte das richtige Leben im Falschen.

In seinem Leiden blieb er liebevoll. Das ist schon übermenschlich. Am Kreuz reißt der Himmel auf. Gott reißt am Kreuz den Himmel auf  -  mit einer Neuschöpfung durch den Tod hindurch. Auferstehung. Das feiern wir in der Eucharistie, im Brot, das gebrochen wird  -  Zeichen für eine gebrochene Welt, die nicht hoffnungslos ist, weil nur gebrochenes Brot verteilt werden kann und uns Menschen nährt. Wie eine Neuschöpfung halt!

Diese Erfahrung zu hören und zu teilen tröstet mich und tröstet Sie vielleicht auch  -  tröstet im Jammertal  -  um das Lied nochmal zu zitieren. Das mag unsere Erfahrung sein, um in unserer Welt mit den vielen Bruchstellen nicht unterzugehen. Amen

Hubert Brosseder und Georg Schröder

Wenn Sie diesen Text auch anhören möchten, finden Sie hier den Link dazu: Gedanken zum Schrifttext am 1. Advent (Audio, mp3, 3MB)

Gedanken zum Evangelium am 2.Advent 2020

Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! (Mk 1,1-8)

Beim Eishockey gibt es ihn schon sehr lange. Beim Fußball hat man ihn erst vor einigen Jahren in die Statistik eingeführt: den Scorer-Punkt. Ihn erhalten diejenigen, die als Vorbereiter wesentlichen Anteil an einem Tor haben und ohne deren Vorarbeit die Torschützen gar nicht zum Zug gekommen wären. Selbst der Messias hatte so einem Flankengeber – Johannes den Täufer. Mit ihm beginnt der Evangelist Markus seine Erzählung über Jesus Christus, den Sohn Gottes, welche er Evangelium nennt. Dieser Begriff wird dann auch für die Schriften von Matthäus, Lukas und Johannes eingesetzt. Beim Eishockey werden (falls vorhanden) sogar die zwei letzten Spieler mit einem Scorerpunkt bedacht, die vor dem Torschützen den Puck zuletzt berührten. Auch Markus geht noch einen Schritt zurück und verweist auf den Propheten Jesaja. Er hatte nicht nur den Gottesknecht vorausgesehen, sondern auch den Rufer in der Wüste, der im vorangeht. Und so trat Johannes auf. Fans hatte er wohl reichlich. „Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus“, schreibt Markus. Nun ja, das mag wohl etwas überzogen sein, doch zeigt es, dass Johannes bei den Menschen ankam. Das Umkehren war keine Erfindung des neuen Testaments, sondern gab es schon vorher. Die Bereitschaft dazu war beim Volk aber unterschiedlich. In der Gefangenschaft war sie deutlich stärker, als zur Zeit der Könige. Zu Johannes´ Zeiten waren die Römer als Besatzer im Land und die Umkehrbereitschaft der Menschen offenbar deshalb auch größer. Der 6.Vers mag für uns heute am unverständlichsten sein. Warum erzählt uns Markus etwas über Kleidung und Nahrung des Johannes? An Modeinteressierte hat er bestimmt nicht gedacht. Nein, das härene Gewand, wie wir es noch einem Lied besingen, ist ein Zeichen seiner Sendung – eine Visitenkarte des Propheten, wenn man so will. Johannes verweist schließlich auf den, der nach ihm kommt. Jener steht so hoch über ihm, dass er sich selbst als unwürdig erachtet auch nur den niedrigsten aller Sklavendienste an ihm zu vollziehen. Das Lösen der Schuhriemen wurde nämlich nur nicht-jüdischen Sklaven zugemutet. Das bedeutet aber auch, dass die Umkehr nicht das Ziel in sich ist, sondern nur der erste Schritt zur Vorbereitung auf die Begegnung mit dem Messias. Darum haben wir vor Weihnachten und Ostern die Vorbereitungszeiten von Advent und Fastenzeit. Wir sollen umkehren und so vorbereitet sein auf Christus.

Er sendet uns seinen Geist. Und wenn wir uns von diesem leiten lassen, bleibt unser Handeln ausgerichtet auf das Reich Gottes. Dadurch können wir zu kleinen Hinweisen auf das Licht des „Stärkeren“ werden. So wie das Licht des Sterns für die Weisen aus dem Morgenland ein Hinweis auf das Licht der Welt in der Krippe war. So sollen wir vorbereitet und Vorbereiter sein für den kommenden Christus. Je besser wir diese Aufgabe machen, desto mehr Grund zum Freuen werden wir haben. Und diese Freude teilen in einem Team alle gemeinsam


Ihr Ullrich Birkner, Pastor

Wenn Sie diesen Text auch anhören möchten, finden Sie hier den Link dazu:

Gedanken zum Evangelium am 2. Advent (Audio, 3,5 MB)

Gedanken zu den Evangelien