Schmallenberg vor dem Wilzenberg
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Gedanken zu den Evangelien

hier finden Sie die Predigtgedanken zu den Evangelien...

zum Nachlesen und, wenn Sie möchten, teilweise auch zum Nachhören!

Gedanken zum Evangelium am 11. Sonntag im Jahreskreis

"Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn..."(Mk 4,26-34)

Vergleiche hinken – sagt man. Das stimmt wohl auch. Aber es gibt eben Dinge, die lassen sich mit unserem Wortschatz nicht umfassend beschreiben. Das gilt nicht nur für das Reich Gottes, das Jesus mit seinen Gleichnissen seinen Zuhörern näherbringt. Versuchen Sie einmal einem Menschen, der noch nie eine Erdbeere gesehen hat zu beschreiben, wie diese Frucht schmeckt. „Süß“ ist sie – ja. Aber das, was man sofort als Erdbeergeschmack erkennt - mit welchen Worten kann man es beschreiben?

Das Reich Gottes ist eben auch nur annäherungsweise zu beschreiben. In diesem Sonntagsevangelium hören wir zwei Gleichnisse. Auf einfache Weise machen sie uns zwei Aspekte des Reiches Gottes deutlich.

Das erste Gleichnis soll uns klarmachen, dass das Wachsen des Reiches Gottes kaum von uns abhängt. Der Mann macht nur zwei Dinge: er sät und erntet. Das Wachstum zwischen diesen beiden Punkten liegt nicht an ihm. Man könnte vielleicht noch Eggen, Düngen und wenn nötig Bewässern aufführen. Trotzdem: Der Halm wird nicht dadurch länger, weil der Mann an ihm zieht. So können auch wir die frohe Botschaft nur ausstreuen und ihr dann noch etwas Pflege zukommen lassen. Aber ob das Wort wächst, liegt nicht an uns, sondern das bewirkt Gott allein. Davon profitiert dann wieder der Mann, der gesät hat. Doch legt er zwar die Sichel an und erntet das reife Korn, doch Gott ist der Herr der Ernte und nicht dein, sondern sein ist was du gewinnst. Das sollte uns immer klar sein.

Das zweite Gleichnis handelt vom Senfkorn, das das kleinste der Samenkörner ist. Doch das Potential, das in ihm steckt, ist das eines Baumes. Die Größe des Samenkorns gibt also nicht unbedingt einen Hinweis auf die Größe des Gewächses, was daraus entsteht. So kann es auch beim Reich Gottes sein. Ein kleines Wort, ein kurzer Satz der frohen Botschaft kann einen Menschen dazu bringen, ein Werk zu beginnen, das sehr groß ist. Während die Wirkung großer geschliffener Reden eher bescheiden bleibt. Manchmal trifft man einen Menschen mit wenigen Worten direkt ins Herz, während große Erklärungen fruchtlos bleiben. 

Diese Bilder können und sollen unterschiedlich auf die Menschen wirken. Diejenigen, die meinen „Ohne mich läuft gar nichts“, sollen demütig werden und erkennen, dass das meiste allein Gottes Werk ist. Denen hingegen, die denken „Ich kann sowieso nichts tun“, soll es helfen zu erkennen, dass Gott auf die Mitarbeit des Menschen setzt und selbst kleinste Beiträge große Kraft haben können. 

So werden wir den Erdbeergeschmack wohl nie jemanden so beschreiben können, dass er ihn förmlich auf der Zunge spüren kann, aber es reicht schon, wenn unsere Beschreibung ihn neugierig macht, unbedingt einmal eine Erdbeere probieren zu wollen.

Ihr Ulrich Birkner, Pastor

Wenn Sie die Gedanken hören möchten, finden Sie hier die Audiodatei: Gedanken Evangelium 11. Sonntag im JahrKr (Audio, 5,6 MB) 

Gedanken zum Evangelium am 12. Sonntag im Jahreskreis

„Brot des Lebens – Fronleichnam“

Predigt Impuls Fronleichnam 2021

Fronleichnam ist wohl eines der Feste mit denen Menschen am wenigsten was anfangen können. Es wird auch als „Hochfest des Leibes und des Blutes Christi“ bezeichnet. Das Wort Fronleichnam stammt aus dem Mittelalter und umfasst zwei Worte: „lichnam“ bedeutet nicht Leichnam, sondern in der Ursprungsbedeutung „lebendiger Leib“. 
Und das Wort „vron“ bedeutet „Herr“. Es geht also um etwas Lebendiges. Noch genauer um den „lebendigen Leib des Herrn“.

Verständlicher wird das Fest dadurch aber auch nicht. Wenn wir Fronleichnam verstehen wollen, müssen wir zurückgehen zum Gründonnerstag. Jesus feiert mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl. In diesem Jahr hören wir an Fronleichnam im Evangelium, wie die Jünger das Paschafest vorbereiten. Im Markusevangelium heißt es dann weiter: „Während des Mahls nahm er das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es ihnen und sagte: Nehmt, das ist mein Leib.“ (Die Bibel, Markusevangelium Kapitel 14, Vers 22) Und das heißt doch, dass Jesus Christus dieses Brot ist. In der Wandlung glauben wir Christen, dass die Hostie zu diesem Brot wird.

Ganz ehrlich? Jetzt wird es noch unverständlicher.  Versuchen wir doch mal einen Zugang über das Brot. Brot – jeden Tag essen wir Brot. Dazu einige Fakten: Private Haushalte in Deutschland kaufen im Jahr rund 1.681.000 Tonnen Brot. Jeder Deutsche kauft demnach im Schnitt 45,5  mal Brot, d.h. pro Kopf 21,2 kg Brot. Durch den Wandel der Gesellschaft werden darüber hinaus viele Snacks verzehrt, die meisten davon auf Basis von Brötchen oder Brot, was in den Zahlen nicht berücksichtigt ist. Das Deutsche Brotregister des Deutschen Brotinstituts verzeichnet derzeit über 3.000 unterschiedliche Brotspezialitäten, die täglich in Deutschland gebacken und verkauft werden. Vermutlich liegt die Zahl noch höher. 
 

Die Menschheit ernährt sich seit mindestens 30.000 Jahren von Getreidebrei, der seit rund 22.000 Jahren auch gebacken wird. Der Anbau von Getreide wurde erst vor rund 11.000 Jahren „erfunden“.  Bis dahin waren die Süßgräser wild wachsend: Die Menschen wurden wegen des Brotes sesshaft! Bis vor 6.000 Jahren gab es nur Fladenbrote. Erst dann haben die Ägypter den Sauerteig erfunden und heiße Backtöpfe über den Teig gestülpt, sodass das Brot aufgehen konnte. Seitdem kennt die Menschheit auch Brotlaibe. Soweit die Fakten. Brot ist ein Lebensmittel, also ein Mittel zum Leben. Es stärkt uns, stillt unsern Hunger, gibt uns Kraft. Wenn ich Brot teile, dann schafft es Gemeinschaft.

Der brasilianische Theologe Leonardo Boff, ein südamerikanischer Befreiungstheologe, spricht in seinem Buch „Kleine Sakramentenlehre“ von allen möglichen Dingen, die für uns zum Heiligen Zeichen, zum Sakrament werden können. Als Beispiel erzählt er von seiner Mutter, die in der armen, vielköpfigen Familie selbst Brot gebacken hat. Sie knetete den Teig mit ihren starken Armen, die Geschwister stibitzten immer ein wenig. Wenn das Brot dann frisch gebacken duftete, versammelten sich alle wie vom Magnet gezogen an dem großen Tisch. Mutter schnitt ein großes Kreuz in den Laib. Und dann wurde er gebrochen, nie geschnitten, sondern gebrochen und geteilt. Nie empfanden sie sich mehr als Gemeinschaft und Familie. Als die Eltern gestorben waren, übernahm die älteste Schwester das wichtige Amt. Es war zwar dann eine Großstadtwohnung und ein Elektroherd, aber wie früher saßen sie um den Tisch herum, und das Brot war unvergleichlich. Es roch, es schmeckte wie kein Brot in der Welt, denn es schmeckte nach Mutter, nach Vater, nach Geborgenheit und Gemeinschaft. Es wurde zum heiligen Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit und Liebe.

Und auch Jesus wusste, wie seine Eltern kämpfen mussten, um ihre Kinder und sich selbst satt zu bekommen. Er wusste, wie existentiell die Brotfladen waren, die seine Mutter Maria und die anderen Frauen jeden Tag irgendwie schafften, wieder herbei zu zaubern.

  • Brot berührt tief unsere Existenz und Sicherheit.
  • Jesus berührt tief unsere Existenz und Sicherheit.


Brot war für Jesus und für jeden tief gläubigen Juden noch mehr: Es war die Erinnerung daran, dass Gott in der Zeit der Wüstenwanderung für das Brot sorgte, das Manna. In der Zeit der Kargheit, der Not, der Zweifel bedeutete es das Aufgehobensein bei Jahwe, dem „Ich bin da.“ Es bedeutete Vertrauen und zärtliche Sorge Gottes, denn man durfte es nur für einen einzigen Tag auflesen, sonst verdarb es.

  • Brot ist Geschenk von Gott.
  • Jesus ist Geschenk und gesandt von Gott.

Und Brot war für Jesus auch das Passahbrot. Das Haus wurde und wird auch heute vor dem Passahfest gescheuert und geschrubbt. Kein Krümel des alten Brotes oder des Sauerteiges durfte übrig bleiben. Und so war das Passahbrot ungesäuert, rein, neu. Es war das Brot der Freiheit. Man dachte an den Auszug aus Ägypten. Und wenn das Brot in der Familie gesegnet und gebrochen wurde, dann fühlte man sich als Teil des Volkes, das immer wieder um seine Freiheit ringt und als Schwestern und Brüder das Leben teilt.

  • Brot ist Freiheit und Gemeinschaft
  • Jesus schenkt innere Freiheit von äußeren Zwängen und seine Freundschaft.


Brot war für Jesus etwas Zentrales. Deshalb wählt er es als Zeichen für die innigste Verbindung mit seinen Freunden und Freundinnen. Das Passahmahl deutet er neu in noch größerer Tiefe. Er will sie und uns mit hineinnehmen in den Sog der Liebe, den er so radikal, überwältigend und mitreißend von Gott her erlebt. Er weiß, er ist für viele Menschen das Brot, Stärkung, die Wegzehrung in die Freiheit geworden. Selbst der Tod als unsere letzte und dunkle Grenze wird nicht das Ende sein. Das wird er bezeugen.

  • Gebrochenes Brot ist Zeichen der Liebe.
  • Jesus lässt sich brechen für uns.


Und all das ist für mich die verwandelte Hostie, der Leib Christi.

Wenn mir die Hostie bei der Kommunion in die Hände gelegt wird, dann staune ich immer, dass Gott sich in meine Hände legt. Gott macht sich klein, schutzlos, be-greifbar, an-greifbar.  Ja, und mehr noch, er kommt mir so nah, dass jede meiner Körperzelle von ihm erfüllt wird. Und so ist er immer noch in mir, wenn ich die Kirche wieder verlasse und zurück gehe in meine Familie, in meinen Beruf, in meinen Alltag.

An Fronleichnam ziehen wir mit der verwandelten Hostie in einem „Vorzeigegefäß“, der Monstranz durch die Straßen unserer Stadt und segnen damit die Gläubigen. Eigentlich geschieht dies nach jeder Messe, denn jeder, der den Leib Christi empfangen hat, ist solch eine Monstranz und wir sollen zum Segen werden für die Menschen und die Welt.
Im 1 Korinther Brief heißt es: „Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid?“ (1 Kor 3, 16)
Gott wohnt in mir. Das kann mir Kraft und Stärke zum leben geben.

Brot, das zum leben stärkt. Brot, das mich leben lässt.

Tiefer kann sich Gott den Menschen nicht schenken.

Wenn Jesus sagt: „Nehmt, das ist mein Leib“, sagt er nichts anderes als: Ich lasse dich, meinen Freund, dich, meine Freundin niemals im Stich, auch nicht im Tod und darüber hinaus. Wir werden in Freiheit leben, und ich möchte dich Tag für Tag nähren. So will es der liebende Gott. Lass dich auf mich ein.

Das ist für mich Fronleichnam, das ist für mich der „lebendige Leib des Herrn“.

© Monika Winzenick 
Gemeindereferentin und Christliche Wegbegleiterin

Wenn Sie diese Gedanken hören möchten, finden Sie hier die Audiodatei: Gedanken zu Fronleichnam (Audio, 3,8 Mb)

 

Gedanken zum Evangelium am 10. Sonntag im Jahreskreis

Uneinigkeit schwächt (Mk 3,25)

Wir spüren es an uns selbst, wenn wir uneins mit uns selbst sind, fällt es uns schwer, z.B. Gesund zu leben. Wenn ich abnehmen will oder mir das Rauchen abgewöhnen will, dann wird es für mich leichter, wenn ich mit mir in dieser Entscheidung ganz eins bin und nicht unsicher auf die Zigaretten oder die Torte blicke. So wird schnell einmal kein Mal und auf einem Bein raucht es sich nicht so gut und Torten schmecken am Besten in der vollendeten Zahl von drei Stück. Bin ich mir aber meiner selbst gewiss bleibt es bei dem „kein Mal“ ohne einmal. Kurz gesagt, dann fällt es mir leichter konsequent zu sein.

Im Gemeinschaftsleben eins zu sein, ist da noch schwieriger. So wie ich mit mir selbst nicht unbedingt einer Meinung bin, sind die Meinungen in der Familie schon vielfältiger und in der Nachbarschaft noch mehr und im Dorf erst recht. Das muss ja auch so sein, wir sind ja auch verschieden so ist z. B.  jeder  in anderen Verhältnissen groß geworden und bringt andere Begabungen mit. Bei aller Unterschiedlichkeit kann es aber dennoch zu einer Einigung kommen, wenn alle mit einem gemeinsamen Beschluss oder zumindest Kompromiss leben können. Das aber wird zunehmend schwerer.

Ein Blick in die Bibel zeigt, dass Jesus dieses Problem kennt. Ein Reich oder eine Gemeinschaft, die mit sich uneins ist hat keinen Bestand. „Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben.“ (Mk 3,25) Und das ist für Jesus keine Theorie; kurz nach dem er das gesagt hat, steht seine eigene Familie vor der Tür, um ihn heim zu holen „denn sie sagten: Er ist von Sinnen.“ Hier macht Jesus die schmerzvolle Erfahrung, dass er mit einem Etikett versehen („Er ist von Sinnen“) kein Gespräch mehr möglich ist und nur noch Gewalt. Haben die Verwandten von Jesus ihn wirklich verstehen wollen? Vermutlich nicht. Denn wer sich auf Jesus einlässt und hinterfragt seinen Standpunkt oder seinen Lebensstil, um zu einem besseren Leben der Gemeinschaft beitragen zu können. „Gott lieben über alles und den Nächsten lieben wie sich selbst.“ Allein dieses Gebot ändert mich Tag für Tag. Will ich das? Gott lieben? Oder gar den Nächstbesten, der vor meiner Haustür steht?

Jesus schaut seine Jüngerinnen und Jünger an. Er versteht Familie als gemeinsames Handeln oder zumindest ein gemeinsames Ziel im Handeln:  Als seine Familie vor der Tür steht, schaut er seine Jüngerinnen und Jünger an (ich fühle für mich eine Aufforderung in diesem Blick) und sagt: „Wer den Willen meines Vaters tut ist für mich Schwester und Bruder …!“ Lassen wir die Etikettierungen des anderen doch weg, denn gemeinsames Handeln hilft uns zu einem guten Leben in der Gesellschaft und mit der Natur.  Zumindest das gemeinsame Ziel, dass es allen gut geht in der Gesellschaft und mit Gottes Schöpfung, hilft uns zu einem gesunden Miteinander.

Ihr Pastor Erik Richter

Wenn Sie diese Gedanken hören möchten, finden Sie hier die Audiodatei: Gedanken 10. So JahrKr (Audio 4,2 Mb)

Gedanken zur Pfingstlesung

„Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt...) (Apg 2, 1-11)

„Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen,  in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab." (Apg 2,4)

Liebe Schwestern und Brüder!
Glaubensaussagen bildnerisch darzustellen, so dass sie den Kopf und das Herz des Menschen erreichen, ist im wahrsten Sinne des Wortes eine besondere Kunst. Welchen Zugang haben Sie persönlich zu religiösen Werken,  welche Bilder haben Sie vielleicht auch in ihrer Kindheit geprägt gleich ob zu Hause, in ihrer Heimatkirche oder anderswo?


Die St. Clemens-Gemeinde in Drolshagen wagt in diesem Bereich jetzt etwas Besonderes. Sie hat einen sehr großen Flügelaltar in Auftrag gegeben, der Maler Thomas Jessen aus Eslohe hat ihn gestaltet. Nicht eine Reproduktion alter Meister ist entstanden, sondern ein ganz moderner zeitgenössischer Bilderbogen, der die zentralen Aussagen unseres christlichen Glaubens in den Blick nimmt: die Menschwerdung, das Leiden Jesu am Kreuz und die Auferstehung  – und diese noch nicht einmal sehr großflächig. Wichtig sind dem Künstler im Größenverhältnis die Menschen,  die auf das Geschehen  aus unterschiedlichen Richtungen schauen oder den Betrachter / die Betrachterin anschauen: wie die Veronika im „Schlabberpulli“, Maria in Jeans auf einer Leiter (übrigens hat da dem Maler die Maria von den Passionsspielen in Oberammergau Modell gestanden) oder der ungläubige Thomas, hier hat sich der Künstler selbst dargestellt. Die Drei möchten auf die Verbindung zwischen „Himmel und Erde“ (auch mit der sogenannten Gürtelspende Marias) aufmerksam machen und sie stehen für ganz unterschiedliche Zugänge zum Glauben.


Dieser Altar ist für mich, auch wenn er nicht ausdrücklich eine Darstellung in diese Richtung zeigt, zum Pfingstbild geworden

Er macht deutlich: Unterschiedliche Zugänge zum Glauben dürfen sein, jede / jeder von uns hat nie den ganzen Bilderbogen des Glaubens im Blick, sondern zumeist das, was in den unterschiedlichen Lebenssituationen gut tut  und stärkt oder auch Fragen, Kritik und manchmal sogar Unverständnis  auslöst. Es war und bleibt eine Frage an das Christentum, ob es immer wieder gelingt, die unterschiedlichen Zugänge auszuhalten.  

Nicht anders war es in den Anfängen der Kirche. Die vielen Gruppen, die in der Apostelgeschichte aufzählt, werden damals genauso wie heute die Botschaft von den Großtaten Gottes unterschiedlich aufgenommen haben und trotzdem haben sie die einigende Kraft des Christentums gespürt, den Geist  Gottes. Von der Jerusalemer Jubelstimmung  sind  wir  in Kirche und Gesellschaft  weit entfernt, aber Verständigungswunder  gibt es auch heute, wenn auch eher im Kleinen. Aber wer weiß, ob von Ihnen nicht auch noch einmal eine erneuernde Kraft ausgeht, die die Angst vor Veränderungen vertreibt und Mut und Hoffnung schenkt. Es täte unseren Gemeinden und Bistümern gut.


Welche persönlichen Zugänge, Ideen und auch kritischen Fragen haben Sie dazu? Malen Sie vor ihrem inneren Auge Ihr Hoffnungsbild von Kirche! Auch heute gilt des diesem Geist Gottes zu vertrauen – das ist Pfingsten!

Stärkende und hoffnungsvolle Festtage  wünsche  ich  Ihnen!

Ihre Bernadette Klens, Gemeindereferentin

Möchten Sie den Text hören, finden Sie hier die Audiodatei: Gedanken zur Pfingstlesung (Audio, 3,3 MB)

Gedanken zum Evangelium am Dreifaltigkeitssonntag

„Und siehe ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28, 20)

Liebe Schwestern und Brüder!
Nicht ein Ereignis aus dem Leben Jesu beinhaltet das heutige Fest, sondern ein  Glaubenssatz – über  die Dreifaltigkeit unseres Gottes.  Von der Einheit und Wesensgleichheit  von Gott, dem Schöpfer, den wir Vater nennen dürfen, von Jesus Christus, der menschgewordenen Liebe Gottes und dem Geist Gottes, der in dieser Welt wirkt. Allein beim Schreiben / Sprechen dieser Zeilen, mag man meinen, wir müssten zunächst alle ein Theologie-Studium absolvieren, um  uns diesem Gott zu nähern.

Ein Blick in die Kirchengeschichte macht deutlich, dass es selbst den Kirchenvätern nicht leicht fiel, die Trinität zu erklären. Im 4. Jahrhundert benutzt der Heilige Patrick in Irland eine Darstellung, die bis heute zugleich ein Nationalsymbol für die grüne Insel ist. Der Sage nach erklärte er dem damaligen keltischen König mit einen Kleeblatt die Dreifaltigkeit. Drei Blätter für Vater, Sohn und Geist und trotzdem bilden sie zusammen eine Einheit. Es bleibt die Frage, was uns heute unser Glaube an diesen Gott bedeutet? Wie geben wir seiner Liebe und Barmherzigkeit Raum in unserem  Leben. Schenken wir ihm Vertrauen unter den Bedingungen gerade auch dieser Zeit?

Gern nutze ich immer noch folgende Methode, um Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen über die Gottesfrage: In der Mitte liegen auf dem Boden eine Fülle von Fotos aus allen möglichen Bereichen: Die Teilnehmer/innen der Runde – gleich ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene  -  werden  eingeladen, ein Bild auszuwählen mit einem Motiv, dass sie ehesten mit Gott in Verbindung bringen. Wenn sie sich gegenseitig gut zuhören und sich auch wirklich öffnen, entsteht manchmal eine ganz besonders dichte Atmosphäre und es ist faszinierend zu erleben, welche unterschiedlichen Gottes-Vorstellungen Grundlage für den Glauben und das Leben der Einzelnen sind. Es ist wie eine Fortschreibung der Bilder, die die Bibel selbst benutzt: Gott als Hirte, als Fels, als Licht…

Doch als immer wieder Gott-Suchende wissen wir auch, wie schnell Lebenssituationen entstehen, in denen Gott sich unseren Vorstellungen entzieht, zum ganz „Anderen“ wird und schließlich auch Zweifel wachsen. Das war auch den ersten Christen/innen nicht fremd.  Können wir dann wie diese damals die Zusage Jesu, des Gottessohnes, an uns heranlassen: Ich bin bei euch  … ich bin gerade dann bei euch, wenn es stressig, kräftezehrend und anstrengend ist. Gerade dann, wenn du krank bist… wenn dich Existenzsorgen umtreiben, wenn du Angst hast vor Prüfungen hast, gerade dann, wenn du es besonders brauchst.


Unsere Glaubensgeschichten sind nicht abgeschlossen. Durstrecken und Krisen werden bleiben – aber sicher auch die Erfahrungen von der Nähe und Gegenwart Gottes in unserem Leben, manchmal ganz intensiv spürbar. Für mich ist der Dreifaltigkeitssonntag ein Impuls darüber immer wieder ins Gespräch zu kommen. Wer weiß, vielleicht gibt es einmal in unseren Gottesdiensten Raum, dies miteinander zu tun…

Schließen möchte ich mit einem Segensgebet von Christoph Stender, das sehr schön deutlich macht, wie verwoben dieser dreifaltige Gott mit all unseren Lebenssituationen ist:

Der Gott des Lebens,
der, der von sich sagt,
ich bin, ich bin da, 
möge:
wenn du wach bist 
deine Neugier sein,
wenn du schläfst
deine Ruhe,
wenn du gehst
dein Weg,
wenn du denkst
deine Idee,
wenn du liebst
dein Gefühl,
wenn du trauerst
deine Leere,
wenn du verlierst
dein Gewinn,
wenn du suchst
deine Entdeckung,
wenn du segnest
dein Segen
und wenn du stirbst
dein Leben sein.

Einen gesegneten Dreifaltigkeitssonntag wünscht Ihnen ihre Bernadette Klens

 

Wenn Sie diese Gedanken hören möchten, finden Sie hier die Audiodatei: Gedanken zum Evangelium am 30. Mai (Audio, 4 MB)

Gedanken zum Evangelium zu Christi Himmelfahrt

Gedanken zum Evangelium zu Christi Himmelfahrt

Zu den mir lieben Gewohnheiten am Beginn eines Tages gehören, neben dem Gebet des Stundengebetes der Kirche, ein Frühstück in aller Ruhe und die Lektüre einer Tageszeitung. Der Blick fällt dabei naturgemäß auch auf die Seite der Todesanzeigen. Ich stelle dann des Öfteren nachdenklich fest:  Je älter ich werde, desto häufiger erscheint unter den Angaben über die Verstorbenen auch mein Geburtsjahr und erinnert mich an die Endlichkeit meines Lebens. Fragen tauchen dann auf: Was wird mich einst erwarten? Wie wird mein Abschied von dieser Welt sein? Was lasse ich zurück? Woran sollen meine Mitmenschen sich erinnern, wenn ich nicht mehr da bin? 

Diese Gedanken bewegten mich auch bei der Meditation über das Evangelium vom Hochfest „Christi Himmelfahrt“ (Mk 16, 15-20). Ob der Verfasser des Markusevangeliums wohl auch darüber nachgedacht hat, was Jesus vor seiner Rückkehr zum Vater den Jüngerinnen und Jüngern als seinen „letzten Willen“ hinterlassen hat?  Das Evangelium des Markus lässt Jesus den ihm Nachfolgenden einen Auftrag als Vermächtnis zurück: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“ Diesem Auftrag folgen Worte über die Rettung und die Zeichen, die durch die Annahme bzw. Verkündigung des Evangeliums geschehen. Sie bezeugen die Ernsthaftigkeit (V 16) und die heilende Kraft der Botschaft (V17f.), die Jesus seinem Auftrag beimisst. 
Nach der Verkündigung seines Vermächtnisses an die Jüngerinnen und Jünger nimmt Jesus seinen Platz zur Rechten Gottes ein (V19).  Als Christ bekenne ich, dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott ist. Ich glaube fest daran, dass in Jesus die göttliche und die menschliche Natur unvermischt und ungetrennt sind. 

Somit ist die Botschaft des heutigen Festes: Mit Jesu Himmelfahrt hat jeder Mensch einen Platz bei Gott. Durch Glaube und Taufe wird der Mensch in die Gemeinschaft mit dem Dreifaltigen Gott  aufgenommen. „Denn unsere Heimat ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter, der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich auch alles unterwerfen kann.“ (Phil 3,20-21).
Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Wo oder was ist der Himmel? Himmel bedeutet für mich Gottes erfahrbare Gegenwart. Diese Nähe Gottes ist bereits jetzt anfanghaft erlebbar in der Begegnung mit Menschen, die die frohe Botschaft verkünden und versuchen danach zu leben. Diese Menschen bilden die Versammlung der Gläubigen, die man  „Kirche“ nennt.  „Kirche“ bedeutet übersetzt: „dem Herrn gehörend“. In der Kirche sind die Menschen, die sich trotz ihrer menschlichen Schwäche von Jesus in Dienst nehmen und senden lassen. Die Gesendeten vertrauen auf Jesu Beistand. Von ihnen heißt es: „ Sie aber zogen aus und verkündeten überall. Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte das Wort durch die Zeichen, die es begleiteten.“ (V20)
 

Das sind Gedanken, die mir beim Lesen des Evangeliums kamen. Welche Gedanken kommen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wenn Sie das Evangelium des heutigen Tages lesen?  Wenn Sie ein Evangelium von Jesus schreiben sollten, welche Botschaft würde „Ihr“ Jesus Ihnen persönlich hinterlassen? Was wäre Ihrer Meinung nach sein „letzter Wille“?


Ihr Luger Vornholz, Pastor

Wenn Sie diese Gedanken hören möchten, finden Sie hier die Audiodatei: Gedanken zum Evangelium zu Christi Himmelfahrt (Audio, 4,5 MB)

Gedanken zum Evangelium am 7. Ostersonntag

Die Abschiedsrede Jesu (Joh 17,6a.11b-19)

Ein schwieriger, ja dunkler Text war das gerade. Ein Abschnitt aus den sogenannten Abschiedsreden Jesu, aus seinem Abschiedsgebet. Er betet zu seinem Gott im Angesicht des Todes. Und er betet für seine Jüngerinnen und Jünger, für seine Anhänger, für seine Freundinnen und Freunde.

Er betet um Bewahrung und um Einheit. Er hat seine Freunde und Freundinnen behütet und ließ keinen verloren gehen  -  außer dem Sohn des Verderbens. Was soll das denn? Damit ist Judas gemeint, der verloren geht. Hat Jesus ihn wirklich verloren gegeben?

Wir merken: Diese Worte sind vom Verfasser des Textes Jesus in den Mund gelegt worden, um eine Botschaft deutlich zu machen. Seine Anhänger, seine Freunde und Freundinnen haben sich immer zu entscheiden. Für oder gegen Jesus. Für oder gegen Gott. Für die Wahrheit oder gegen die Wahrheit. Aber was ist Wahrheit?

Was ist Wahrheit dieses schwer zu verstehenden Textes?

In diesem Gebet legt Jesus das Schicksal aller, die zu ihm gehören, in die Hände Gottes. Vor dem Hintergrund des Verrates durch Judas  -  und die Frage, wie dieser dahin kommen konnte, Böses zu tun, lasse ich unbeantwortet  -  vor dem Hintergrund der allerletzten Entscheidungen, bittet Jesus seinen Gott, die Menschen vor dem Bösen zu bewahren, sie da heraus zu halten.

Ja, es geht um alle Menschen, weil Jesus als Gott Mensch geworden ist und damit alle Menschen in die Gemeinschaft mit Gott ruft  -  bis heute.

Judas ist eine Symbolfigur für Menschen, die absichtlich gegen Gott handeln. Sie sind Böses in Menschengestalt. Ja, solche Menschen gibt es  -  leider. Warum sie so geworden sind, ist eine andere Frage. An Judas erkennen wir, dass kein Mensch vor der Wirklichkeit des Bösen sicher ist. Jeder kann böse werden  -  in seiner Freiheit, die Gott ermöglicht.

Jesus wusste um diese grausame Wirklichkeit des Bösen. Er hat an sich selber erfahren, wie hässlich Menschen sein können. Und was hat er dagegen getan?

Jesus hat sich mitten in der Welt des Bösen ganz dem Heiligen geöffnet. Er hat sich ganz dem geöffnet, was von Gott gewollt ist: Unbedingte Liebe. Güte. Freiheit.

Das ist der Gegensatz zu den Mächten des Bösen. Liebe, Güte, Freiheit stehen gegen Hass, Böses, Zwang.

Jesus hat sich ganz dem Heiligen geöffnet, dem was Gott will  -  Liebe, Güte, Freiheit. Damit will Jesus uns Menschen umhüllen, so dass wir dem Bösen und der Angst entzogen werden und frei werden für das Gute und das Vertrauen, das dem Leben aller dient.

Solch eine Hülle ist ein spirituelles Geschenk, ist Sinndeutung über alles hinweg, ist wie eine Gnade Gottes.

Die gnadenlose Wirklichkeit der Welt bleibt uns nicht erspart. 
Das erfahren wir zurzeit aus Israel und Palästina; aus der Ostukraine, aus Myanmar usw.

Aber mit dem Blick zu Jesus Christus und der Hülle des Heiligen, die er auftut, also mit dem Blick zum göttlichen Himmel, können wir anders leben: Innerlich frei, voller Hoffnung, nach vorne schauend  -  auch wenn die Aussichten dunkel sind. Es gibt noch einen anderen Himmel als den, den wir sehen können.

Vielleicht ist Ihnen dieser schwierige, dunkle Text nun heller geworden. Frohe Botschaft bedeutet hier:
Überprüfe dich selber, was in dir herrscht: 
Freiheit oder Zwang, Gutes oder Böses, Liebe oder Hass?
Erkenne ich, was Gott in Jesus eröffnet hat?
Gebe ich diese Sinngebung, diese Spiritualität weiter?

Ihr Pfarrer Georg Schröder

Wenn Sie diese Gedanken hören möchten, finden Sie hier die Audiodatei: Predigt 7. Ostersonntag (Audio, 2,5 MB)

 

 

Gedanken zum Evangelium am 5. Ostersonntag

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“. (Joh 15, 1-8)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: „ Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.
 Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen, und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen“.

Dieses Evangelium kennen glaube ich viele: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“. Wie oft habe ich dieses Evangelium schon für die Erstkommunionkatechese oder gar als Erstkommunionmotto genommen. Erstens schlägt es mit dem Bild von der Weinrebe die Brücke zur Eucharistie. Zweitens zeigt es das Bild von Gemeinschaft, das keine Traube alleine an einer Rebe hängt, sondern immer viele, die mit einem „Ast“ am Weinstock und untereinander verbunden sind.

Ich persönlich liebe Bilder, sie prägen sich immer ganz tief in mein Gedächtnis. Ich glaube, dass das auch der Grund war, warum Jesus immer wieder in Gleichnissen, in Bildern gesprochen hat.

Umso verstörender könnte der Vers 6 verstanden werden. Da nimmt das Bild vermeintlich eine bedrohliche Farbe an. Was meinte Jesus damit, dass alle Reben, die nicht richtig wachsen und Frucht bringen weggeworfen werden? So ist es ja wirklich. Immer wieder muss der Winzer die Stöcke reinigen, verdorrte Früchte abschneiden, damit die anderen noch besser wachsen können.

Jesus sagt, das würde jenen Reben (Bild für die Menschen) passieren, die nicht in ihm bleiben. Was muss man denn tun um in ihm zu bleiben? Aus ganz persönlicher Erfahrung weiß ich, dass immer an mir etwas unvollkommen ist, ich Schwächen und Fehler habe, die ich am liebsten selbst von mir abschneiden würde. Also keine Chance, bis zur Ernte am Weinstock zu bleiben?

Gott sei Dank durfte ich, auch manchmal durch „harte Schule“ lernen, dass es Jesus nicht auf Leistung, auf Perfektion, auf Schaffenskraft ankommt. Er will das gar nicht von uns. Das ist etwas, was sich ganz von selbst in MEINEM Kopf aufbaut und mir den Blick auf das wirklich Wichtige verbaut hat. Er will gar nicht, dass wir leisten um geliebt zu werden, oder, um es im Bild auszudrücken, um am Weinstock bleiben zu dürfen.

Was kann er dann mit diesen Versen meinen? Ich denke, es ist einfach das SEIN bei ihm. Einfach mit ihm gemeinsam leben. Ihn an meinem Leben, und sei es noch so unperfekt, teilhaben zu lassen. In einem anderen Satz schreibt Johannes: Ihr seid schon rein durch das Wort, dass ich zu euch gesagt habe. Er hat schon zu uns JA gesagt, in der Taufe. Das ist unverbrüchlich, dass kann von seiner Seite niemand zerstören. Es gibt aber die Möglichkeit, dass wir sagen, dass wir nichts mit ihm zu tun haben wollen, dass wir nicht (mehr) an ihn glauben – und damit ist nicht ein Kirchenaustritt gemeint. Es geht um den Verlust der Verbindung zu ihm. Wenn die Trauben von der Rebe abfallen, dann können sie nicht mehr wachsen und schön werden.

Ich glaube, Jesus möchte, dass wir uns einfach an ihm festhalten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dann wird er uns mit allem versorgen, was wir brauchen um Frucht zu bringen, um ein Leben in Fülle zu haben.
Darum ist es auch immer wieder wichtig, unser „JA“ ihm gegenüber zu erneuern. Tun wir es heute und jeden neuen Tag.

Ihre Sabine Jasperneite, Gemeindereferentin

Wenn sie diese Gedanken hören möchten, finden Sie hier die Audiodatei: Gedanken 5. Ostersonntag (Audio, 3 MB)
 

Gedanken zum Evangelium am 6. Ostersonntag

"Liebe und Freundschaft" (1 Joh 4,7-10 und Joh 15,9-17)

Liebes-Worte  -  wer hört sie nicht gerne. Gott ist Liebe. Gott hat uns zuerst geliebt  -  in Jesus, in einem gewaltlosen und bis zum Äußersten liebenden Menschen. Und dieser rät seiner Gemeinde: Bleibt in meiner Liebe.

Liebesworte  -  in Gedichten und Liedern. Im Alltag. In kleinen Zeichen. Was ist Liebe? Eine kleine Begebenheit:

Ein Mann will einen Bewohner in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung besuchen. Als er in den Hof des Hauses eintritt, knurrt ihn ein riesiger, zähnefletschender Hund an. Der Mann fürchtet sich und will gerade umkehren, als ein Junge mit Down-Syndrom über den Hof direkt auf den Hund zuläuft, um ihn zu streicheln.
Der Mann ruft entsetzt: Halt, Junge, Vorsicht. Der Hund ist böse.
Der Junge entgegnet freundlich: Wenn man ihn liebhat, beißt er nicht.

Wenn man ihn liebt, beißt er nicht. Wer angenommen, gestreichelt, geliebt wird, muss nicht mehr beißen. Das Beißen hat in unserer Welt trotzdem das Sagen. Man will ja unbedingt was erreichen  -  da muss schon mal gebissen werden. Da heiligt der Zweck alle Mittel  -  auch die kriegerischen. Gibt es das wirklich: Wer geliebt wird, braucht nicht mehr zu beißen?

Ich kann wegen der Liebe und für die Liebe kämpfen. Aber nicht mit jedem Mittel, nicht ohne die Bedingung, die Andersheit des Anderen zu achten. Das war Gottes Liebestat, seine unbedingte Liebe in Jesus Christus. Er führte ein Leben, das frei geantwortet hat auf die Liebe, die in Gott ist, die aus Gott kommt und die zu Gott führt. Gott ist Liebe  -  unbedingt für jeden Menschen. Damit fängt das Leben an. Diese Liebe Gottes hat Jesus erfahren und sie hat durch ihn sehr menschlich gehandelt.

Wir können das kaum nachvollziehen. Aber sehnen wir uns nicht genau danach? In Freiheit, also unbedingt, Ja zu einem anderen, zu einer anderen zu sagen?

Gott hat im Leben Jesu Ja zu uns Menschen gesagt  -  einzigartig war das. Eine universale Wirkungsgeschichte hatte seine Liebe in Menschen, die von ihm erfahren haben. Liebe ganz konkret menschlich. Sie lebt auf, wenn Menschen einander lieben, sich anerkennen wie Gott sie gemacht und gemeint hat. Sie wird zum Segen füreinander und miteinander, weil Menschen es gut miteinander meinen und entsprechend handeln. Das ist ein Segen Gottes, ein universaler Segen in Liebenden, gerade dann, wenn sie sich ihrer verletzbaren Menschlichkeit bewusst werden.

Hat jemand auf dieser Welt das Recht, diesen Segen zu lenken, zu begrenzen, einzuhegen in eine Form, die ohne Sünde ist? Nein, denn jeder Mensch ist unvollkommen, hat Fehler und macht Fehler und ist trotzdem gesegnet, wenn er oder sie sich der Liebe öffnet, einer Liebe, die Jesus vollkommen gelebt hat und nicht begrenzt hat.

Er hat sie entgrenzt, als er seine Arme geöffnet hat am Holz des Kreuzes. Da spielte keine Religion, keine umständliche Regelung für die Liebe und keine Eigenschaft von Menschen eine Rolle. Er hat sich ergeben. Das war sein Widerstand gegen das Böse  -  gemäß dem extrem liebevollen Worten: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen; besiegt das Böse durch das Gute.

Wie geht das? Es geht mit Ansehen schenken. Die Augen aufmachen und den anderen ganz wahrnehmen und sehen, was zu tun ist. Die Andersheit des Anderen sehen. Einander Ansehen schenken. Damit beginnt es. So könnte Liebe allmählich das Beißen besiegen. So könnte der Segen Gottes unter uns Menschen immer kräftiger werden  -  unter allen Menschen.

Mensch sein ist die Kategorie Jesu als menschgewordener Gott. Er hat keine Hierarchie der Menschen aufgebaut und macht keine Unterschiede zwischen Mann oder Frau, Hetero oder Homo, Arm oder Reich, Deutscher oder Chinese, krank oder gesund, allein lebend oder gemeinsam, alt oder jung, usw. usw.

Wohlwollend Ansehen schenken  -  dort, so meine ich, beginnt unter uns Menschen Liebe und muss nicht mehr verbissen gekämpft werden um mehr Macht, mehr Geld, mehr Einfluss. Dort ist gesegnet, und dürfte auch in unserer Glaubensgemeinschaft gesegnet werden, ein jeder Mensch und eine jede Beziehung von Menschen, in der Ansehen liebevoll und unbedingt auflebt.

Der wohlwollende Blick Jesu trifft mich in den Worten der Heiligen Schrift und ich blicke zurück. Wir schenken einander Ansehen. Jesus bietet auf diese Weise seine Freundschaft an mit seinem Tun und Lassen.

Wie vorhin gesagt: Seine Freundschaft zu uns Menschen geht so weit, dass er sein Leben hingibt. „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“, sagt er. Es ist das Leben in Beziehung, also in Partnerschaft, Freundschaft, Ehe, Familie und was auch immer es an verbindlichen menschlichen Beziehungen geben mag, in denen Freiheit und Ansehen, Barmherzigkeit und Liebe, jeden Tag zu leben versucht werden.

Gott hat in Jesus uns Menschen angesehen und geliebt, damit wir  lieben können  -  ohne Angst.
Jesus ist einer, der alles von dir weiß, und der dich trotzdem liebt. Jesus ist einer, der alles von mir weiß, und der mich trotzdem liebt.
Ich lasse mich von Seiner Liebe berühren, d.h. von seinen Worten und Taten aus der Heiligen Schrift, und von den Worten, die einem Stückchen Brot Liebe einhauchen. Amen.
 

Ihr Pfarrer Georg Schröder

Wenn Sie den Text anhören möchrten, finden Sie hier den Link dazu: Gedanken Evangelium 6. Ostersonntag (Audio, 3MB)

Gedanken zum Evangelium am 3. Ostersonntag

„Angefangen in Jerusalem, seid Ihr Zeugen dafür.“ Lk 24, 48

„Was soll ich denn  jetzt machen? Wie kann es weitergehen? Wie soll ich mich entscheiden …? Eltern von jungen Erwachsenen kennen diese Fragen nach Liebeskummer, vor der Berufswahl, nach Enttäuschungen. Trotz aller Schwierigkeiten bei der Lösungssuche,  sind sie doch zumeist dankbar, wenn sie als Gesprächspartner   noch gefragt sind und  die heranwachsenden Töchter und Söhne sich nicht völlig verschließen. Und dann ist er manchmal auch da im gemeinsamen Gespräch und  im Miteinander, im Abwägen und Suchen:  der Funke der Erkenntnis, der aufstehen und weitergehen lässt. Für solche Gespräche mit unseren Kindern, in denen wir gemeinsam Ideen und Möglichkeiten gefunden haben, die entlastet und befreit, die getröstet und aufgerichtet , ermutigt und verändert haben, war  ich immer sehr dankbar. 
Nach dem Kreuzestod  Jesu war die Situation der Jüngerschar  ähnlich geprägt von Fragen, Zweifeln und Mutlosigkeit. Die Osterevangelien beschreiben das an mehreren Stellen. Und sie schildern auch, wie der Auferstandene selbst das Gespräch mit ihnen sucht in seiner neuen Wirklichkeit. So auch im heutigen Text von Lukas. Vertraute Worte wie der Friedensgruß, das Dasein mit „Fleisch und Knochen“, das Verspeisen des Stücks gebratenen Fisches,  auf den ersten Blick drastische Beschreibungen seiner Erscheinungsweise. Doch es geht noch weiter und das ist die  Botschaft für die ersten christlichen Gemeinden und auch noch für uns heute. Jesus öffnet den Jüngerinnen und Jüngern die Augen, deutet die alten Worte der Schrift im Hinblick darauf, dass er es ist, der auch nach seinem irdischen Leben, nach seinem Tod jetzt als Auferstandener weiter alle Lebenswege  mitgeht. Er, der Sohn Gottes, größer als alle unsere Zeit- und Raumvorstellungen,  ist trotzdem  an unserer Seite in den Höhen und Tiefen und auch in den Verstrickungen unseres Lebens.
Doch sind  wir nicht weit entfernt von den Ostererfahrungen dieser  Zeit? Wo machen wir Erfahrungen von der  Auferstehung und Nähe Jesu  – schließlich lautet der Auftrag an die damaligen Gemeinden und an uns heute, von dieser Hoffnung  Zeugnis zu geben. Wieder kommen mir Gespräche in den Sinn: solche, bei denen man im Miteinander spürte, da ist jetzt plötzlich eine Dichte erreicht, in der wir uns getragen fühlen, solche , in denen ohne Rechthaberei plötzlich Versöhnung möglich ist, solche, in denen das Weitergeben eines Wortes aus der HL. Schrift Ermutigung schenkt … Auch wenn Kontakte und Begegnungen zur Zeit nur eingeschränkt möglich sind, werden wir erfinderisch als Kirche trotzdem Tröstendes und Heilendes weiterzuschenken  – und das ist nicht nur der Auftrag für die Hauptamtlichen. Der achtsame Gruß einer Nachbarin, die anteilnimmt am Schicksalsschlag,  ist nicht weniger wert als das Wort der Predigt. Teilen wir immer wieder unsere Lebens- und Glaubensgeschichten, dann geben wir Zeugnis … und dann gesellt sich auch heute der Auferstandene dazu in all die harten Realitäten.
Ihre Bernadette Klens, Gemeindereferentin

Wenn Sie den Text hören möchten, finden Sie hier den Link: Gedanken Evangelium 3. Ostersonntag (Audio, 3 MB)

Gedanken zum Evangelium am 4. Ostersonntag

"Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe" (Joh 10, 11–18)

„Ich bin der gute Hirt.“ Mit diesem Satz beginnt das Evangelium vom 4.Sonntag in der Osterzeit. Auf Latein heißt das: „Ego sum pastor bonus“. Kein Wunder also, dass diese Bibelstelle bei Primizfeiern und Pfarreinführungen gerne auf mahnende oder positive Weise herangezogen wird. Doch strenggenommen ist das ziemlich anmaßend, denn Johannes kennt nur einen guten Hirten und das ist Jesus Christus. 
Jesus erklärt in den Abschiedsreden seinen Jüngern, dass er im Vater ist und der Vater in ihm (Joh 14,10f). Damit passt das Bild vom guten Hirten zu Jesus ebenso wie zum Vater. Er wird im bekannten Psalm  23 als guter Hirte angesprochen: “Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen”. In den Ländern des Orients war es durchaus üblich, die religiösen und politischen Führer als Hirten zu bezeichnen. Interessanterweise geschieht dies in Israel nicht oder nur auf negative Weise: „Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden…, die die Herde meiner Weide zugrunde richten.“ (Jer 23,1). Ein klarer Hinweis, dass Israel nur einen Hirten kennt: Gott.


Wenn es um die Beziehung zwischen Vater und Sohn, zwischen dem Vater und den „Seinen“, die er dem Sohn gegeben hat, geht, wird das Wort „Kennen“ gebraucht. „Niemand kennt den Sohn, nur der Vater und niemand kennt den Vater nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.“ (Mt 11,27) Mit „Kennen“ ist mehr gemeint, als das theoretische Wissen um eine Person oder das flüchtige Kennenlernen, also jemandem schon einmal begegnet zu sein. Im biblischen Sinn ist „Kennen“ ein sehr inniges personales Verhältnis zwischen (zwei) Menschen. In Gen 4,1 wird es deutlicher: Adam erkannte Eva, seine Frau, sie wurde schwanger und gebar Kain. Wenn Jesus also sagt: „Ich bin der gute Hirt. Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne.“ (Joh 10,14f) dann ist genauso dieses tief freundschaftliche, ja liebende Kennen gemeint. 

Der Vater und der Sohn kennen sich in einer vollkommenen, nicht steigerbaren Weise, bilden eine Einheit, an der wir Anteil erhalten können durch das Kennenlernen des Sohnes. Christus ist der einzige, wahre Hirt, der die Schafe, die zu ihm gehören alle beim Namen ruft. Für sie gibt er seinen Leben hin. Die Liebe Jesu zu den Seinen wird immer größer sein, als umgekehrt. Bemühen wir uns darum Jesus zu erkennen, seine Freunde zu sein, für die er sein Leben hingibt. Denn eine größere Liebe gibt es nicht.


Ihr Ullrich Birkner, Pastor

Wenn Sie den Text hören möchten, finden Sie hier den Link dazu: Predigt 4. Ostersonntag (Audio, 3 MB)

Gedanken zum Osterfest 2021

von Georg Schröder

Zum zweiten Mal feiern wir unter den Bedingungen der Corona-Pandemie Ostern. Wir feiern die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Sie ist die Antwort der Heiligen Schrift auf die existentielle Krise des Leidens und des Todes. Sie ist der Grund, warum es unsere Glaubensgemeinschaft überhaupt gibt. Die Kirche hat den Auftrag „Auferstehung“ zu leben und zu verkünden. So weit so gut  -  auch in Corona-Zeit unter speziellen Bedingungen hier im Gottesdienstraum.

Die andauernde Krise unserer katholischen Kirche aber  -  ist sie nicht das glatte Gegenteil von „Auferstehung“? Das römische Lehramt bleibt wie es ist:  Seit über 50 Jahren keine Weiterentwicklung der kirchlichen Sexualmoral; seit den 90er Jahren erzwungener Stopp aller Diskussionen um die Zulassung von Frauen zum Weiheamt. Trotz des Versagens der Hierarchie behalten die Kleriker ihre absolute Vormachtstellung im Gefüge der Gemeinschaft; die Opfer und Betroffenen der Missbrauchsfälle müssen immer noch darum kämpfen, dass es unabhängige Untersuchungen gibt. Auferstehung in ein neues Miteinander und Zueinander sähe anders aus. Oder? Aber darüber wird ja beim „Synodalen Weg“ beraten und hoffentlich eine echte Reform beschlossen.

Trotz alledem erlebe ich Auferstehung. Wie das?

  • Wenn es ans Sterben geht und Hoffnung auf ewiges Leben geteilt wird.
  • Wenn ein Gespräch unerwartet in die Tiefe eines Menschen geht und dort dieser Mitmensch erkennt: Es gibt noch ein anderes, neues Leben für mich.
  • Wenn ein Sakrament der Kirche, also ein heiliges Zeichen, als Berührung Jesu empfunden wird, als ein Augenblick, der einem Menschen den kurzen Blick in eine neue Welt eröffnet. Genau dies wünsche ich unseren Erstkommunionfamilien so sehr!
       

War Ostern, war die Auferstehung Jesu nicht die Erfahrung einiger seiner Zeitzeugen, dass die absolute Krise des Karfreitags und die Totenruhe des Karsamstags befreit wurde durch den auferstandenen Geist Jesu, der unter ihnen neu wirkte? Ist Ostern nicht die Erfahrung, dass der Untergang Jesu nicht das Letzte war? Ist Ostern nicht die Erfahrung, dass das Teilen des Brotes im Namen Jesu eine neue Dynamik des Mitteilens von Zuversicht und Hoffnung in sich birgt?

Ostern sei die Motivation, in einer Krise neues mitmenschliches, ja geschwisterliches Leben auferstehen zu lassen. Diese Auferstehung wünsche ich uns heute und die ewige Auferstehung ganz am Ende unseres Lebens. Amen. 

Ihr Pfarrer Georg Schröder

Wenn Sie diese Gedanken hören möchten, finden Sie hier die Audiodatei: Predigt Ostern 2021 (Audio, 1,7 Mb)

Eine Videoaufzeichnung dieser Predigt finden Sie im Youtube Kanal des Pastoralverbundes unter diesem Link: Youtube Schmallenberg-Eslohe

Gedanken zum Evangelium am 2. Ostersonntag

„Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20,19-31)

Von Anfang an war die Auferstehung Jesu der Knackpunkt unseres christlichen Glaubens. Wer glaubt daran, dass der Tod nicht das Letzte im Leben eines Menschen ist? Das neue Leben nach dem Tod, die Neuschöpfung beweisen, kann niemand von uns  -  auch kein Papst.

Dass dieser Glaube da ist, ist das nicht schon ein Hinweis, dass es Auferstehung damals gegeben hat und auch heute gibt? Ich persönlich glaube, dass damals etwas geschehen sein muss, das alles mit neuen Grundlagen hat erfahren lassen: Das Leiden Jesu war nicht absolut sinnlos; seine Worte blieben auch nach seinem Tod mächtig; 
der Jüngerinnen- und Jüngerkreis blieb zusammen in einer neuartigen Gemeinschaft, in der Frauen gleichberechtigt waren, in der Kinder geachtet wurden und in der Männer auch schwach sein durften. Denken wir nur an Maria Magdalena, an die Forderung in den Paulusbriefen, die Kinder zu lieben, und an Thomas.

Thomas und sein Glaube an die Auferstehung ist in diesem Text niedergeschrieben worden. Was sagen Bezeichnungen wie „gläubig“, „ungläubig“ oder „zweifelnd“ aus? Es sind wohl nur sehr grobe Eckpunkte einer bewegten Geschichte. Schon früher im Johannesevangelium erfahren wir von Thomas, dass er ein Suchender ist: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?“ (Joh 14,6) Am Ende weiß man gar nicht, wie es dazu kam, dass er tatsächlich gefunden hat, was er suchte. Vielleicht weiß Thomas es selbst nicht. Aber am Ende spricht Thomas es laut und deutlich aus: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28)

Das gesamte Johannesevangelium von Anfang bis Ende - nicht nur die Thomas-Geschichte - läuft im Grunde auf diese Aussage hinaus: „Mein Herr und mein Gott.“ Ursprünglich hört das Evangelium danach auf. Nirgendwo, sagen Bibelexperten, kommt das Bekenntnis zu Jesus Christus theologisch so klar und präzise zum Ausdruck. Es ist die höchste Aussage, die das Evangelium über Jesus Christus macht. Aber vielleicht geht es am Ende nicht einmal darum.

Manche Theologen (wie Tomáš Halík) warnen davor, diesen Ausruf des Thomas als theologische Lehrformel anzusehen.  „Mein Herr und mein Gott“ - das sei keine theologische Formel, es sei ein Seufzer. Was aber hieße es, diesen Ausruf lebendig und dynamisch zu halten und ihn nicht zur starren Theorie festwachsen zu lassen? Ich glaube, es gibt Momente, in denen ein Mensch unerwartet überzeugt ist und es erfährt, dass Gott da ist, dass er lebendig ist, dass er einen neue Dynamik auslöst.

  • Es ist der Moment, in dem Maria Magdalena sich vom Grab umdreht und sieht, dass der vermeintliche Gärtner Jesus ist, und ihr ein liebevolles „Rabbuni“, „mein Meister“, „mein Lehrer“, über die Lippen kommt.
  • Es ist der Moment, in dem die Emmaus-Jünger am Tisch sitzen und beim Brotteilen ihr Herz stolpert, ja brennt.
  • Es ist der Moment, in dem es aus Thomas herausplatzt: „Mein Herr und mein Gott“. Für einen Moment ist es glasklar und fraglos. Auferstehung Jesu gibt es. Nähe Gottes ist da.
     

Die Thomas-Szene beschreibt den Moment des Erkennens der Auferstehung sehr nüchtern. Sie lässt offen, ob eine Berührung stattgefunden hat  -  vielleicht weil es ein Moment ist, der nicht zu fassen war.

Dieser Text macht vor allem deutlich, dass wir den Glauben nicht von solchen Momenten abhängig machen sollten. Schließlich heißt es: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Thomas hatte seine Glaubensgeschichte. Wir haben unsere eigene. Allen wie auch immer glaubenden Menschen gemeinsam ist wohl nur, dass der eigene Glaube niemals stillsteht. Er bewegt sich irgendwo auf dem weiten Feld zwischen „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ und „Mein Herr und mein Gott!“.

In den Kar- und Ostertagen haben wir diese ganze Bandbreite durchmessen. In der kurzen Begegnung zwischen Thomas und Jesus im heutigen Evangelium kommen alle Wegpunkte noch einmal vor: Hinterfragen, Ablehnen, Glauben-Sollen, Glauben-Wollen, mehr oder weniger Glauben-Können.

Wie geht es mir persönlich damit? Mit dem Glauben an die Auferstehung?

  • Ich sehe das absolute Nichts, wenn ein Mensch stirbt, tot daliegt, unschuldig leiden und sterben muss oder willkürliche Mächte das Leben von Millionen von Menschen auslöschen. Wo ist da Leben, Neuschöpfung, Auferstehung? Ich sehe nichts davon.
  • Als Priester und Vertreter der an die Auferstehung glaubenden Kirche soll ich daran glauben. Ich habe die Botschaft zu verkünden als frohe Botschaft, die die Menschen aufrichtet, wie Jesus Menschen in der Begegnung mit ihm aufgerichtet hat. Jede gelungene mitmenschliche, ehrlich-respektierende Begegnung ist Auferstehung in dieser Welt und ein Vorausbild der anderen Welt. So sollte es sein in der Kirche und durch das, was wir als Kirchengemeinschaft für alle Menschen tun.
  • Seit jugendlichen Tagen will ich daran glauben und es hat mich motiviert ganz in die Kirche einzusteigen mit dem Priesterberuf. Wie gerne haben wir damals die Kar- und Ostertage begangen  -  nicht allein, sondern mit vielen Gleichgesinnten die Nacht durchwacht.
  • Heute glaube ich mehr oder weniger daran. Das Weniger habe ich vorhin schon ausgesprochen. Das Mehr daran glauben sind Momente, die aufleben lassen: Wenn ich aufgefangen werde durch andere; wenn Liebe auch über den Tod hinaus lebt; wenn religiöse Zeichen wie Berührungen aus dem Lebensbereich Jesu sind  -  also ein Segen.

Mal bekenne ich innerlich: Mein Herr und mein Gott, du bist da und das tut gut. Mal frage ich mich: Mein Herr und mein Gott, bist du da? Immer bleibe ich unterwegs als Nicht-Sehender und doch Glaubender, als einer, der die Auferstehung niemals beweisen kann, sie aber dennoch glaubt. Warum?

Weil der Glaube an die Auferstehung Jesu mich motiviert lebendig zu bleiben, Jesus als Lehrmeister zu haben und nicht schon lebend tot zu sein. Amen.

Ihr Pfr. Geoerg Schröder
(Vorlage von Stefan Walser, Prediger und Katechet, 11.4.2021, stark verändert von Georg Schröder)

Wenn Sie den Text hören möchten, finden Sie hier die Audiodatei: Predigt 2. Ostersonntag (Audio, 3,3 MB)

 

 

Gedanken zum Evangelium am 5. Fastensonntag - Misereorsonntag

Nach einer Vorlage von MISEREOR 2021 (A. Paul)

Liebe Schwestern und Brüder, „Es geht! Anders.“ – Das Leitwort der MISEREOR-Fastenaktion ist eine Zusage und ein Aufruf gleichermaßen. Vielfältige Veränderungsprozesse sind im Gange: In der Kirche, in der Gesellschaft, in der Politik. Hier bei uns in Deutschland, in Europa und weltweit. Es geht weiter – ANDERS.

Die Corona-Krise hat gezeigt, wo Veränderung nötig ist. Sie hat Ungerechtigkeiten noch einmal mehr in den Fokus gerückt: Verteilung von Macht und Ressourcen, die Balance zwischen Bewahren und Erneuern, der Stellenwert von Berufen und Dienstleistungen, die plötzlich als überlebenswichtig erkannt wurden.

„Es geht! Anders.“ Jeder und jede wird Veränderungen akzeptieren müssen. Doch: Wenn es meine Art zu leben betrifft  -   was dann?

Wir erleben eine Welt im Wandel und eine Welt in Aufruhr: Proteste, Populismus und rechtsradikale Strömungen sind ein Ausdruck auch der Ängste, die Veränderungsprozesse hervorrufen. Viele Fragen sind nicht mit einfachen Antworten zu lösen. Die Komplexität überfordert, macht ratlos, verleitet zum Rückzug, zur Resignation. Wir sind gefordert, Zusammenhänge zu verstehen, Antworten zu finden. Insbesondere die momentane Phase der Pandemie ist für meine Begriffe kaum noch wirklich zu realisieren und zu bewerten.
Die großen Fragen sind nach wie vor da:
Warum können wir dem Raubbau an den Gütern der Erde nicht Einhalt gebieten?

Warum gelingt ein solidarisches weltweites Miteinander nicht?

Warum finden wir keinen Weg zu einer Gesellschaftsordnung, die allen Menschen Zugang zu Bildung und Gesundheitsvorsorge und einem Leben in Sicherheit ermöglicht?

Warum tut sich unsere Kirche so schwer damit Menschen zu segnen, die verbindlich liebevoll miteinander leben, sich aber kein Sakrament der Ehe spenden können?

Fragen, die uns mit den Menschen in Bolivien und weltweit verbinden. Die Volksgruppen, mit denen die Caritas Reyes und CEJIS (sprich: Sechis) zusammenarbeiten, erleben den Zerfall von Familien- und Gemeinschaftsstrukturen, den Raubbau an ihren Ressourcen, die Sehnsucht der Jugend nach einem Leben, das Anteil hat an unserem westlichen Lebensstil.

Traditionen werden geringgeachtet, und besonders die indigenen Gruppen stehen vor der Gefahr, dass ihre eigene Kultur verloren geht.

„Es geht! Anders.“ – Wir können schon sehen, wie es anders gehen kann:

Das Gebot, Zusammenkünfte einzuschränken, hat uns hier in Deutschland den Wert von Familie und verbindlicher Gemeinschaft – den Wert des Mitmenschen – vor Augen geführt. Im Vermissen von sonst selbstverständlichen Treffen und Besuchen ist die Wertschätzung für den Zusammenhalt und das Miteinander gewachsen. Darin liegt ein Segen.

In der Kirche müssen wir auf die üblichen Zusammenkünfte nah beieinander verzichten und haben auch neue Wege gefunden, unseren Glauben zu leben, die Beziehung zu Gott zu pflegen und einander Signale der Verbundenheit zu senden. Wie positiv anders wäre es  -  und mit dieser Meinung bin ich nicht alleine  -   wenn wir alle Menschengemeinschaften, die dem Gott der Liebe und der Menschenfreundlichkeit glauben, auch segnen dürften.

Infektionen in Wirtschaftsbetrieben haben vor Augen geführt, wie lebensbedrohlich soziale Missstände und wirtschaftliche Ausbeutung von Menschen sein können. Unser Blick auf die Umstände, unter denen unsere Waren produziert werden, hat sich geschärft und das vom Bundestag beschlossene Lieferkettengesetz ist ein Hoffnungsschimmer der Veränderung.

Traditionelle Formen der Resteverwertung und Mehrfachnutzung von Ressourcen erfahren eine Renaissance.

„Es geht! Anders.“ – In Bolivien erleben die Indigenen die Kraft der Rückbesinnung auf traditionelle Anbauformen, verknüpft mit neuen, naturnahen Methoden. Mit unserer Spende für Misereor haben sie einen Partner an ihrer Seite, der sie unterstützt, für ihre Rechte und politische Teilhabe einzutreten.

Im heutigen Evangelium deutet Jesus seinen Tod mit den Worten: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“

Die Auferstehung Jesu ermutigt uns: Es geht! Anders. Das Leben wird sich durchsetzen, ein Wandel ist möglich! Wir haben einen Gott an unserer Seite, der uns auf dem Weg der Veränderung begleitet.

Der Weg sollte aber nicht zu lang werden, weder für mich ganz persönlich noch für die Verantwortlichen in Politik, Gesellschaft und Kirche.

Schöpfen wir aus jeder kleinen Veränderung, die uns gelingt, den Mut und die Zuversicht, dass auch im Großen ‚eine andere Welt‘ möglich ist. Dabei dürfen wir uns verbunden fühlen mit Indigenen in Bolivien, ebenso wie mit Menschen an vielen Orten weltweit.

Wir sind durch unser Gebet und unser Tun verbunden mit allen, die an die Menschenfreundlichkeit Gottes glauben und sie umzusetzen versuchen -  unabhängig welcher Kultur, sexueller Orientierung, Hautfarbe, Religion und anderer Unterscheidungen diese Menschen angehören.

Insbesondere in unserer katholischen Kirchengemeinschaft haben wir nach wie vor sehr viel zu lernen von der Menschenfreundlichkeit Jesu. Es wird menschenfreundlich Anders weitergehen  -  zuvor wird Vieles sterben. Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt…

Wenn Sie den Text hören möchten, finden Sie hier den Link dazu: 
Predigt 5. Fastensonntag (Audio, 2,8 Mb)

 

Gedanken zum Palmsonntag 2021

Kreuz Jesu - Abgrund der Liebe und Grund der Auferstehung (zu Markus 15,1-39)

Palmsonntag  -   Beginn der Karwoche. Wir kennen ihr Drama. Am Anfang der feierlicher Einzug Jesu in Jerusalem mit „Hosianna dem Sohne Davids!“, am Ende die wütenden Rufe der Volksmenge: „Ans Kreuz mit ihm!“ Dazwischen ein Gerichtsprozess, an dessen Ende das Todesurteil steht: Kreuzigung.

Eigentlich unvorstellbar! Da war einer, der es gut mit den Men-schen meinte: Er heilte Kranke, sprach wegweisende Worte, ver-körperte die unbedingte Liebe Gottes zu allen Menschen. Denken wir nur an das Gleichnis vom barmherzigen Vater und seinem ver-lorenen Sohn. Denken wir an den „barherzigen Samariter“ aus ei-nem anderen Gleichnis, der ein universales Bild für Menschen-freundlichkeit geworden.

Wer Jesus erlebte, hatte sich aber zu entscheiden: Möchte ich sei-nen Worten und Taten in meinem Leben Raum geben oder nicht? Will ich zu ihm gehören, indem sein Geist mich ergreift, oder ver-harre ich in einer erstarrten, ja totbringenden Lebensweise?

Der Hauptmann unter dem Kreuz wurde im Anblick des unschuldig Leidenden von dessen Geist ergriffen als er bekannte: „Wahrhaf-tig, dieser Mensch war Gottes Sohn!“ (Mk 15,39) Aus persönlicher Erschütterung dürfte dieses Bekenntnis geboren worden sein. Was war geschehen? Er hatte in den Abgrund der Liebe geschaut.

Wer einmal in einem Gebirge an einem Abgrund gestanden hat, mag gespürt haben, dass einem mit dem Blick nach unten schwin-delig werden kann. Auch der Blick in die Abgründe unseres Glau-bens, also der Blick in die unfassbare, unbedingte Liebe Jesu am Kreuz, der Blick auf den Menschen, der Gott liebend dennoch die Gottesferne erlebte  --  der Blick in einen existentiellen Abgrund- dieser Blick kann wahrhaft schwindelig machen. Das Hochgefühl von Hosanna-Rufen und der Absturz mit dem Todesschrei am Kreuz, können uns auch heute schwindelig machen. Das ist doch alles unfassbar und     -    überzeugend. Oder?

Dieser Mensch kam aus einer anderen Welt, aus dem Reich Gottes der grenzenlosen Liebe. Diese universale Weite seiner Liebe über-steigt unseren Verstand, unsere Sinne, unsere Gefühle. Sie macht im übertragenen Sinne schwindelig.

Weite und Tiefe lösen den Tod Jesu am Kreuz auf zur Neuschöp-fung des liebevollen Lebens. Das macht mich schwindelig, ist nicht zu fassen, bleibt unbegreiflich. Kann diese Neuschöpfung etwas anderes sein, als dass wir sie nicht fassen können? Dass wir nur noch staunen.

Was war Jesus von Nazareth doch für ein Mensch! Er war der neue Mensch für eine neue Zeit, die über unsere Zeit hinausgehen wird.

Jetzt mag sein Geist uns loslegen lassen, damit unsere Welt mit den abgründigen Fragen und dem unschuldigen Leiden dennoch liebevoll sei.

(Georg Schröder unter Verwendung eines Textes von Franz Richardt, Prediger und Katechet, 28.03.2021)

Wenn Sie diese Gedanken hören möchten, finden Sie hier die Audio Datei: Predigt Palmsonntag 2021 (Audio, 1,8 Mb)

Gedanken zur Lesung am 3. Fastensonntag

Das nicht gelebte Leben und das Erste Gebot (Exodus 20)

Da ist das behinderte Kind, das nicht sprechen kann, das kaum hören kann, das nur Licht und Schatten erkennen kann. Was ist mit seinem Leben? Die gute Pflege lässt ihn leben. Er bekommt viel Liebe und er verschenkt Liebe. Aber was hätte er nicht alles aus seinem Leben machen können?

Da ist der oder die Jugendliche. Das Leben mit all seinen Möglichkeiten liegt noch vor ihm oder vor ihr. Er oder sie entdeckt sich selbst und das ist etwas, das nicht den gängigen Vorstellungen entspricht. Wird er oder sie sich jemals outen können, wird er oder sie ehrlich leben können?

Da sind die vielen Menschen, die nicht mehr so leben können wie sie es gewohnt sind, weil die Pandemie das Leben beherrscht. Jeder und jede muss umdenken, anders leben und ganz viele haben Angst, dass sie wirtschaftlich und finanziell nicht überleben werden.

Warum erzähle ich diese Beispiele?  Einmal, um sich selber zu fragen: Wie ist das bei mir mit meinem Leben und meinen Anlagen, Fähigkeiten und Möglichkeiten? Ich glaube, dass jeder und jede bei sich Defizite entdecken kann.

Dadurch mag eine gewaltige Sehnsucht aufbrechen. Es ist die Sehnsucht danach, was mir entspricht, was meine Träume und was meine Ideale sind. Haben Sie, habt Ihr so etwas in Euch? Was möchte ich sein, erleben, tun? Welche Leere in mir möchte ich ausfüllen? Wann werde ich nach der Pandemie wieder „normal“ leben können?

Wird meine Sehnsucht in unterschiedlichsten Bereichen meines Lebens jemals gestillt werden?

Natürlich freut sich jeder, wenn eine Sehnsucht gestillt werden kann. Aber jedes erreichte Ziel öffnet neue Türen zu anderen Räumen des Lebens, zu neuer Suche. Ich will weitergehen und werde traurig, wenn ich es nicht kann. Geht es Euch und Ihnen manchmal so?

Ich erzähle das alles, weil ich glaube, dass diese Lebenserfahrungen mit Gott zu tun haben, genauer gesagt mit dem ersten der 10 Gebote: „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.  Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor ihnen niederwerfen und ihnen nicht dienen.“

Was bedeutet das?

Gott will mich aus dem Sklavenhaus befreien, z.B. wenn ich gefangen bin in großen äußeren Zwängen, die das Leben einengen, die meine Sehnsucht ersticken.

Gott warnt mich aber auch, die Erfüllung der Sehnsucht als einen Gott anzusehen. Ich meine, er würde mir sagen: Mach dir kein festes Bild von dir selber, auch nicht von deinem Leben. Ja, ich will, dass du befreit leben kannst. Aber bleibe dir im Klaren, dass es die grenzenlose Freiheit nicht gibt. Sie ist nicht dein Gott. Ich bleibe dein Gott, der dir Freiheit ermöglicht und dadurch Entwicklung.

Und deshalb müsste ich mir sagen: Ja, lebe. Aber sei dir bewusst, dass du nicht alles leben kannst, was in dir ist. Erkenne deine Grenzen und die unverrückbaren Bedingungen deines Lebens. Schau auf den, der dir Freiheit schenkt, weil er liebt wie sonst niemand. Verehre ihn, indem du dich ihm anvertraust. Er steckt hinter all deiner Suche und Sehnsucht.

Dies ist es, was ich meine, aus dem ersten Gebot ableiten zu können: Versuche, Schritte deines ureigenen, von Gott geschenkten Lebens, zu gehen. Ja, gehe los, so weit wie du es verantworten kannst und soweit es möglich ist mit der Rücksicht auf deine Mitmenschen. Du wirst dich selber aber nie ganz finden. Es bleibt eine Sehnsucht  -  immer! Diese Offenheit führt schließlich in die Erfüllung, die Gott dir schenken will  -  auch deine Defizite, dein nicht gelebtes Leben wird er ausfüllen.

Dass möglichst viele Menschen den Weg der Freiheit durch Gott finden mögen, ist unser Seelsorgeauftrag insgesamt. Es geht darum, Mut zu machen und mitzuteilen: In Gott, wird einmal dein nicht gelebtes Leben aufleben. In Gott wird einmal sogar deine nicht gelebte Liebe leben. Aber vergiss nicht loszugehen an jedem neuen Tag, auch wenn das Gehen schwer fällt.

Gott  -  und so sagt es das erste Gebot  -  Gott ist der Einzige, der unseren Durst nach Leben stillen kann. Trinken wir aus den Quellen, die jetzt schon da sind. Lassen wir uns herausführen aus dem Sklavenhaus in die Freiheit der Gemeinschaft mit Gott. Jesus ist diesen Weg vorausgegangen. Das ist doch was!

Der Weg, ihm zu folgen, sieht für jeden und jede von uns anders aus. Manchmal trifft man sich an einer gemeinsamen Quelle und stillt die Sehnsucht. Genießen wir das und gehen wir dann wieder weiter. Der Weg ist weit mit dem Ziel: Gott. Jesus. Geist. Himmel. Unendlichkeit.

Mich tröstet diese Glaubensvorstellung und sie lässt mich hoffen. Ich hoffe, dass ich immer hoffen kann  -  auch in schwierigen Zeiten.

Das Misereor-Hungertuch erzählt von dieser Hoffnung allein schon mit seinem Titelwort aus Psalm 31: Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum. (Psalm 31,9.) Der gebrochene Fuß wird durchdrungen von lebendigen Linien  - Zeichen für eine Lebenslinie der Sehnsucht nach Heilung. Der Staub des Lebens wird durchleuchtet von Goldenen Linien und Blumen  -  Zeichen für den weiten Raum, der durch Gott bzw. durch Jesus eröffnet wird.

Ich schließe meine Gedanken mit einem Gebet:

herr schenke mir neue Füße damit ich weder krieche noch irgendwen zertrete und allein durch meinen gang dich preise denn ich der ich an deine schönheit glaube brauche einen verständigen gott der mir sein geheimnis anvertraut (Said, Psalmen, C.H.Beck Verlag, 2016, S. 54)

Ja, wir glauben an einen Gott, der uns versteht wie Jesus von Nazareth die Menschen verstanden hat, und der uns sein Geheimnis eines unendlich neuen Lebens anvertraut hat.

Er sagt zu allen Menschen: „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus dem Sklavenhaus geführt hat.“

Ihr Pfarrer Georg Schröder

Wen Sie diese Gedanken hören möchten, finden Sie hier die Audio DateiPredigt 3. Fastensonntag (Mp3 Audio, 3,4 Mb)

Gedanken zur Lesung am 4. Fastensonntag

„Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab“ (Joh 3, 14–21)

„Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat.“ Zum Evangelium des 4.Sonntages der Fastenzeit, der gleichsam in der Mitte zwischen Aschermittwoch und Ostern liegt, gehört dieser programmatische Satz, den Jesus zu Nikodemus sagt. Jeder Halbsatz ist eine eigene Betrachtung wert. Schauen wir uns also diesen Vers genauer an.

„Gott hat die Welt so sehr geliebt.“ Gott hat seine Schöpfung so sehr geliebt, könnte man auch sagen. Wir lieben auch das, was wir schaffen. Die Häuser und Brücken, die wir bauen, die Geschichten, die wir erfinden, die Erfolge, die wir erzielen. Sie sind uns wichtig. Wir lieben sie auch. Aber wie weit geht unsere Liebe? Soweit wie die Liebe Gottes?

„Dass er seinen einzigen Sohn hingab.“ Gottes Liebe zur Welt, zu seiner Schöpfung geht so weit, dass er bereit ist das liebste zu geben, was er hat: sein einziges Kind. Es gibt wohl kein anderes Zeichen, durch das ich meine Liebe ausdrücken kann. Denn jeder Mensch liebt seine Kinder. Und wenn man auch jedes Kind gleich liebt – sein einziges Kind aus Liebe zu geben, drückt wohl am deutlichsten aus, wie groß diese Liebe ist. Nun also: Wozu ist diese Hingabe Gottes gut?

„Damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht.“ Der Glaube ist hier ein entscheidendes Moment. An den Sohn Gottes glauben, ist die Bedingung, um nicht verloren zu gehen. Im Deutschen sagen wir „Ich habe mich verirrt oder verlaufen.“ Im Englischen heißt es: „I´m lost.“ Wörtlich: Ich bin verloren. Es drückt Hoffnungslosigkeit, Ziellosigkeit aus. Wenn ich kein Ziel habe, dann kann ich mich drehen und wenden wie ich will, ich kann auch gehen wohin ich will, ich werde niemals ankommen. Wer an Jesus Christus glaubt, hat gleichzeitig auch ein Ziel. Er geht nicht verloren. Er ist nicht verloren.

„Sondern das ewige Leben hat.“ Hat. Es heißt nicht: „Sondern das ewige Leben erlangt.“ Wer glaubt, der hat es schon. Das ewige Leben beginnt also nicht erst nach dem leiblichen Tode. Und all die Vorstellungen und Bilder zum Paradies usw. sind wohl auch wesentlich menschlicher, denn göttlicher Natur. Der Glaube an Jesus Christus, und daran, dass er die menschgewordene Liebe Gottes ist; der Glaube daran, dass Gottes Liebe soweit geht alles dafür hinzugeben – dieser Glaube gibt mir Anteil am ewigen Leben. Das ist vielleicht das einzige, was wir sicher über das ewige Leben sagen können: es muss dort die völlige, selbstlose, sich hingebende Liebe herrschen, die Gott ist und in Jesus Christus Mensch wurde. Zusammengefasst in diesem einen Satz: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat.

Ihr Ullrich Birkner, Pastor

Wenn Sie diese Gedanken hören möchten, finden Sie hier die Audiodatei: Predigt 4. Fastensonntag (Audio, 3,5 Mb)


Gedanken zum Evangelium des ersten Fastensonntages

„40 Tage in der Wüste“ (MK 1,12 – 15)

Liebe Schwestern und Brüder!

„Da müssen wir jetzt durch …“ Diese oder ähnliche Redewendungen beschließen jetzt häufig Gespräche über die derzeitige Corona-Situation. So wie wir durch Engstellen, Absperrungen, Tunnel oder ähnliches durchmüssen, bleibt  uns zur Zeit nichts anderes übrig als die derzeitigen eingeschränkten Lebensbedingungen auszuhalten – an vielen Stellen voller Sorge bzgl. der weiteren gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Entwicklung. „Da müssen wir jetzt durch …“
Darüber hinaus kennen wir als Familien, als Einzelne oder Gruppen, die am Rande leben, genügend Beispiele von „Engpässen“, durch die wir ebenfalls „durch-müssen“:  Not, Leid, Krankheit oder Trauer. In diesen Wochen bereiten wir uns als Christen auf Ostern vor. Das Fest, an dem wir feiern, dass einer für uns alle den Weg „durch“ den Tod ins Leben gegangen ist, in ewiges Leben, Jesus Christus. Wie gelingt es in dieser Fastenzeit, sich dieser Botschaft neu zu nähern inmitten aller Grenzerfahrungen?

Überall da, wo Wichtiges von Unwichtigem unterschieden wird, wo Menschen sich in gegenseitiger Liebe und Solidarität begegnen, wo Machtmissbrauch erkannt und überwunden wird, wo in uns das Vertrauen wächst  - auch im Gebet – dass dieser Jesus Christus an unserer Seite ist bei unseren Bemühungen „durch“ zu kommen durch dieses Leben. Schließlich hat er es selbst aushalten müssen, das Hin und Her von Entscheidungen, die Gefühlsspanne  von  Stärke und Hilflosigkeit, die Erfahrung von Gottes Nähe und Gott-Ferne – davon erzählt das Evangelium vom ersten Fastensonntag. Auch für ihn war es eine lange Zeitspanne – 40 Tage –, durch die er „durch“musste und das in aller Abgeschiedenheit – mit viel Abstand – vom normalen Leben,  das beschreibt die Wüstensituation. Doch dann wird sie ihm geschenkt diese Kraft, mit der er öffentlich auftreten kann, um die Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden. Leider hat es in der Kirche immer wieder Tendenzen gegeben, durch Bußübungen und Ähnliches, Schmerzen und Dunkelheiten bewusst herbeizuführen, um dadurch erst in die Gunst der Liebe Gottes zu kommen. Ich glaube nicht, dass uns Gott solche Wege führen möchte. Doch mich faszinieren Menschen, die durch äußerste Bedrängnis hin-“durch“ mussten und die dennoch nicht das Vertrauen verloren haben, dass er an ihrer Seite war. Dietrich Bonhoeffer, Edith Stein … zählen dazu.

Und wenn wir auf unser persönliches Leben schauen … Vielleicht ist diese Fastenzeit eine Chance, hinter all den Oberflächlichkeiten der Welt zu entdecken, was wirklich trägt, was uns da-„durch“kommen lässt. Und vielleicht können auch wir davon erzählen, wie wir uns gehalten fühlten trotz aller Dunkelheit um uns herum. Es ist nicht die Zeit voller Kirchen oder die Zeit von Gottesdiensten voller Jubel. Aber es könnte eine Zeit werden, in der getaufte Christinnen und Christen wieder den Mut haben,  etwas von ihrem Glauben, von ihrer Hoffnung und ihrem Gottvertrauen weiterzugeben.  

„es gibt
eine welt
hinter der Welt

du musst nur
durch
die dunkelheit hindurch

die zweifel
die angst
das festhalten

dein fragen
deine sorgen
deine wichtigkeiten

der weg
in die andere welt
geht immer durch die dunkelheit hindurch

und erst dann
wirst du erkennen
was wirklich zählt."    (nach Andrea Schwarz)

Kommen Sie gut und gesegnet „durch“ diese Fastenzeit 2021 … Tauschen Sie mit anderen die Erfahrungen aus, die Sie „durchs“ Leben kommen lassen und seien Sie gewiss, auch Glaubens-Fragen dürfen sein!

Das wünscht Ihnen Ihre Bernadette Klens

Wenn sie diese Gedanken auch hören möchten, finden Sie hier die Audiodatei: Gedanken 1. FastenSo, (Audio,1,6 Mb)

Gedanken zur Lesung am 2. Fastensonntag

Was für Opfer? (Genesis 22)

Er muss sein Kind also nicht opfern.

Abraham sticht das Messer nicht in das Herz seines Sohnes. Abraham hat in seiner Beziehung zu Gott schon einiges mitmachen müssen. Er hatte seine Heimat zu verlassen. Er rang mit Gott um Menschenleben in einer verlorenen, widerwärtigen Stadt. Er bekam nach langem Warten schließlich Kinder  -  eines mit seiner Magd, eines mit seiner Frau.

Das gemeinsame Kind mit seiner Frau soll er nun als Brandopfer hergeben  -  so der Auftrag Gottes: „Nimm deinen Sohn, den du liebst, Isaak. Geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.“ Was für ein Opfer fordert Gott! Und was macht Abraham? Er tut alles, was Gott von ihm verlangt. Das sinnlose Opfer seines Sohnes geht er an. Schließlich tötet er nicht seinen Sohn, sondern einen Widder.

Als Glaubenserprobung wird diese Erzählung gedeutet. Glaubt Abraham so sehr seinem Gott, dass er alles für ihn tut, dass er sogar seinen Sohn für ihn opfert? Ja, Abraham ist so frei, seinem Gott zu vertrauen. Das, was er bisher mit seinem Gott erlebt hat, ist so gestrickt, dass er nicht glaubt, dass Gott seinen Sohn Isaak wirklich verbrannt haben möchte. Er vertraut, dass Gott kein sinnloses Opfer will. Denn gibt es etwas Sinnloseres für einen Vater, als freiwillig sein eigenes Kind umzubringen? Nein.

Hier wird ein tiefes Vertrauen sichtbar. Kein sinnloses Vertrauen, das Opfer fordert ohne Sinn und Ziel. Keine Befehle, die unbedingten Gehorsam verlangen für etwas, das absolut sinnlos ist. Denn Abraham muss geahnt haben, dass sein Gott diese Kindesverachtung nicht will. Abrahams Glaube an Gott ist unbedingt. Er glaubt seinem Gott, der ihm Segen verheißen hat und das bedeutet: Du und deine Nachkommen werden in einem neuen Land leben.

Diese Geschichte ist eine Gratwanderung mit der Frage, ob ein menschliches Opfer sinnvoll oder sinnlos ist. Sinnlose Opfer sind und bleiben sinnlos. Die Soldaten-Opfer für den widerwärtigen großdeutschen Führer. Sinnlos.

Die von diesem widerlichen Führer angeordneten Morde von Millionen von Juden, Andersdenkenden und Anderslebenden. Abscheulich sinnlos.

Sinnlose Opfer sind und bleiben sinnlos. Die Missbrauchsopfer: Das Kind Isaak sollte religiös missbraucht und als Opfer für Gott getötet werden. Ob Isaak diese Tat, ob er die Tatsache, wie ein Opferlamm auf dem Holzscheit gelegen zu haben, jemals psychisch verarbeitet hat? Wahrscheinlich nicht.

Die missbrauchten Kinder unserer Zeit mussten unfreiwillig ihren Leib hergeben. Für was? Für widerliche Täter. Wobei manche Täter als Kinder selber missbraucht worden sind. Die Aufarbeitung dieser menschlichen Untaten ist ein komplexes Vorhaben. Leider bleibt immer das Ergebnis: Diese Taten machen keinen Sinn und können von niemandem gerechtfertigt werden.

Sinnlose Opfer sind es, weil Menschen gewaltsam zerstört werden für nichts und wieder nichts, für Größenwahn und billige Selbstbefriedigung, für Selbstüberhöhung und vermeintliche Liebe. Menschliche Abgründe tun sich auf. Kinder werden in diesen Abgrund gestürzt. Abraham musste schließlich sein Kind nicht töten. Isaak wurde gerettet. Weil Gott nicht so abgründig war. Er war kein menschenfressender Moloch.

Gibt es einen Sinn in dieser Geschichte? Ich habe es vorhin schon angedeutet. Es geht um das grenzenlose Vertrauen Abrahams, dass Gott trotz seiner Forderung das Menschenopfer nicht will. Es geht um den Glauben, dass Gott es gut meint mit Abraham und seinen Nachkommen. Dass ein Segen auf Abraham liegt und auf allen, die zu ihm gehören.

Es geht um den Glauben, dass Gott Leben will und nicht den Tod, dass Gott Menschenwürde will und nicht den Menschenmissbrauch, dass Gott Freiheit will und nicht Unterdrückung. Es gibt viele Menschen, die sich selber gegeben haben, die sich, wenn man so will, geopfert haben für das Leben anderer, für Menschenwürde, für Freiheit.

Ich erinnere an die Widerstandskämpfer in der Nazizeit  -  Dietrich Bonhoeffer, Sophie Scholl und viele andere.
Ich erinnere an alle, die sich selbstlos einsetzen, damit andere leben können, sie geschützt und gefördert werden.

Ich erinnere an selbstlose Menschen, die darauf hinweisen, dass es mehr gibt, als alle eigensinnigen Selbstverliebtheiten.

In all diesen Fällen gibt ein Mensch sich selber mit dem Vertrauen, dass seine Lebenshingabe für das Weiterleben anderer lohnt.

Kreuz.
Kreuz Jesu.
Es kam kein Engel, der den Tod Jesu verhindert hat. Es ging weiter, sinnlos weiter bis zum Schrei: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Da war nichts mehr und doch alles. Jesu Schrei nach Gott bezeugte seinen Glauben bis zum Tod. Auf diesem Grund des Todes gab es immer noch Leben  -  so bezeugten es später seine Freundinnen und Freunde. Der sinnlose Tod dieses liebevollen Menschen am Kreuz war ein Keim neuen Lebens im Sinne seines Gottes  -  des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs  -  unseres Gottes.

Dieser Keim des Lebens mag ein Trost sein, kein billiger Trost. Karfreitag mag ein Trost sein für alle Menschen, die sinnlos in den Tod getrieben oder gewaltsam missbraucht worden sind. Kann ich anders an einem Grab trösten als mit diesem Keim neuen Lebens, mit diesem Hinweis auf eine Hoffnung, dass die sinnlosen Menschenopfer unbegreiflicher Weise mit neuem Leben erfüllt worden sind wie bei Jesus?

Kann ich damit trösten, dass es im Lebensbereich Gottes eine noch ganz andere Rechenschaftspflicht gibt für die boshaften Täter als alle menschlichen Gerichte es richten können?

Ja, ich glaube an diesen Trost.

Schließlich frage ich und versuche zu antworten: Werden die sinnlosen Menschenopfer jemals enden? Nein, weil es immer böse Menschen geben wird. Werden die sinnvollen Menschenopfer eine Zukunft eröffnen, die alle Sinnlosigkeit überwindet? Das erhoffe ich.

Denn das Kreuz Jesu war unfassbar sinnvoll.   Es ist zum Zeichen der Erlösung vom Bösen geworden.

Ihr Pfarrer Georg Schröder


Wenn Sie diese Gedanken auch hören möchten, finden Sie hier die Audiodatei: (Gedanken zum 2. Fastensonntag (Audio, 3,8 Mb)

Gedanken zum Evangelium am 5. Sonntag im Jahreskreis

Innig verbunden mit Gott handeln und weitergehen (Mk 1,29-39)

Jesus tut, was er kann, damit Menschen neu leben können. Er heilt die Schwiegermutter des Petrus mit einer einfachen Berührung, die sie aufrichtet. Er heilt viele andere Menschen.

Jesus tut, was er braucht, um selber neu leben zu können. Er geht an einen einsamen Ort,
um zu beten. Er lässt sich nicht vereinnahmen, als ihm zugespielt wird:  Komm bitte zurück, alle suchen dich.

Jesus tut, was er von Gott erfahren hat, damit das Reich Gottes woanders neu aufleben kann. Er geht in andere Dörfer und spricht von dem, was Gott will. Menschen mögen überall neu leben können  -  mit der Zuwendung, die von Gott kommt  -  durch andere Menschen, durch Sinnstiftung im Gebet, durch ein Vertrauen, das schwerste Situationen durchdringt.

Ein einfaches, klares Evangelium ist es: Jesus tut, was er kann zum Wohle anderer. Er tut, was er braucht zur Selbstfindung und Gottesfindung. Er verschenkt überall, was er von Gott erfahren hat  -  Liebe, Erbarmen, Menschenfreundlichkeit.

Dies wäre doch ein einfaches Programm für alle, die von ihm überzeugt worden sind durch andere Menschen, durch die Schriften, durch innige Erfahrungen.

Als in der Kirche Jesu Christi Arbeitender weiß ich oft nicht, was jetzt dran ist, um Jesus für die Mitmenschen erfahrbar zu machen. Mit dem Blick auf diese Schriftstelle befrage ich mich selber:

Jesus tut, was er kann zum Wohle anderer.

  • Was tue ich zum Wohle anderer?
  • Gebe ich Zuspruch? Unterstütze ich Menschen in Not?
  • Helfe ich dabei, dass andere sich neu in einer schwierigen Situation sehen können? Dass ich in ihnen eine Hoffnung wecke, wie es weitergehen könnte?

Jesus tut, was er braucht zur Selbstfindung und Gottesfindung.

  • Ist meine Einsamkeit ein Ort der Zweisamkeit mit Gott, mit dem, der mich unbedingt angeht?
  • Ist der Blick auf die Einsamkeit Jesu ein lichter Augenblick, um Dunkelheit auszuhalten?
  • Ist dieses Innehalten ein aktives Aushalten von unlösbaren Fragen?
  • Und lasse ich mich trotz alledem rufen, wenn ich mit meinen Talenten gebraucht werde? Was sind meine Gaben?

Jesus verschenkt überall, was er von Gott erfahren hat.

  • Hat mein Tun Bestand vor dem, was ich von Jesus gehört habe? Bin ich da für andere ganz einfach so? Sind meine Worte wie heilsamer Balsam oder wie scharfe Messerstiche?

Ich meine, dies sind lebenswichtige Fragen, die persönliche Antworten hervorlocken sollten  -  gerade in Krisenzeiten.

Auch in der Krise bleibt es doch möglich, einander zu helfen, von der erfahrenen Einsamkeit zu erzählen, die Ausweglosigkeit solidarisch auszuhalten, vorsichtig zu sein mit Worten, damit sie heilsam seien und nicht andere verletzen mögen.

So spricht mich dieses Evangelium heute an und lässt mich meine Gedanken, Worte und Taten neu sortieren, damit ich sehe, wie es mit mir und mit uns weitergehen könnte  -  hin zu dem, was für alle Menschen heilsam, trostreich und aufbauend ist.

Dadurch wäre, wie in diesem Text erzählt, Jesus selber berührbar mitten unter uns  -  besonders in der Krise.

Übrigens: Ist das Leben nicht eine andauernde Krise  -  mit Veränderungen, Verwerfungen, Virus-Mutationen, Überschwemmungen, Krankheiten, Unfällen, Artensterben, Kälte- und Hitzewellen, Jobverlusten, Börsencrashs, politisch motivierten Verfolgungen, ungerechtfertigten Gefangennahmen, Shitstorms im Internet, aufgeblasenen Verschwörungsrednern, Verleumdern, Vertuschern, Zerstörern usw. Immer und überall das Text-Bild Jesu sehen und es in uns und unter uns wirken lassen, mit und ohne der ausdrücklichen Nennung seines Namens  -  darum geht es doch für uns, die wir in seinem Namen versammelt sind!

Jesus tut, was er kann zum Wohle anderer. Jesus tut, was er braucht zur Selbstfindung und Gottesfindung. Jesus verschenkt überall, was er von Gott erfahren hat.

Ihr Pfarrer Georg Schröder


Wenn Sie diese Gedanken auch hören möchten, finden Sie hier die Audidatei dazu: Predigt 5. So i JaKr (Audio, 2,4 MB)

Gedanken zum Evangelium vom 6. Sonntag im Jahreskreis - Karneval

...zum Narren halten(Mk 1,40 - 50)

„Der Mann aber ging weg und verkündete bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die Geschichte, sodass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm.“

So stellt der Evangelist Markus die Reaktion vieler Menschen in der damaligen Zeit dar, die von den Heilungen Jesu hörten.

Wer würde heute noch solchen Geschichten glauben und einen Jesus aufsuchen, um Heilung zu erfahren? Unabhängig von der nun schon seit fast einem Jahr andauernden  Corona-Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungenwerden den christlichen Kirchen bei uns nun nicht gerade die Türen eingerannt, um Heilung zu erfahren.Das sah in früheren Zeiten von Pandemien, Naturkatastrophen, Kriegen und Krisen ganz anders aus. Pestprozessionen und andere Gedenktage und traditionelle Veranstaltungen geben davon bis heute ein Zeugnis. Erwarten sich die Menschen keine Heilung mehr oder orientieren sie sich in ihrem Suchen und Sehnen längst auf anderen Wegen und auf andere Weise? Oder finden sie in unseren Kirchen keine Heilung mehr?

Ist es die Botschaft Jesu, die nicht mehr so recht Gehör finden will, oder ist es eher das Verhalten einiger Führungskräfte und deren Äußerungen, Haltungen und Weigerungen zur ehrlichen Aufklärung, zum realistischen Blick auf ihr eigenes Verhalten und das Verhalten ihrer Vorgänger und Amts-Kollegen? Und selbst da kann man beobachten, wie scheinheilignun manche nach ehrlicher Aufklärung rufen, die vor Jahren noch selbst, auch in anderen Zusammenhängen Stillschweigen vereinbart haben. Stillschweigen, um sich selbst und die Kirche zu schützen.

Aber selbst Jesus weist doch den geheilten Aussätzigen streng an, niemandem etwas zu sagen. Das ist doch auch Stillschweigen, um sich selbst zu schützen! Schweigen – also mal durchaus sinnvoll und berechtigt, mal Unheil bringend, verletzend, gefährlich, unverantwortlich  und zerstörend.

Zwei Gedanken, Erwartungen und Verhaltensweisen aus dem heutigen Evangelium: Sehnsucht nach Heilung und deren Erfüllung – Verschwiegenheit und Öffentlichkeit.

Manche, auch innerkirchlich sehr aktive und bisher treue Christen-Menschen fühlen sich zunehmend zum Narren gehalten, wenn sie erleben müssen, wie mit berechtigten Anfragen,moralisch längst überholten Verhaltensweisen und Regelungen, mit Versuchen einen Weg im Miteinander oder wenigsten respektvollen Nebeneinander umgegangen wird.

Dabei geht es doch oft auch nur darum, Menschen vom Aussatz zu befreien: Vom Aussatz, der ausschließt – damals wegen einer gefürchteten Krankheit – und Krankheit galt als Folge von Sünde des Betroffenen oder einer der Vorfahren. – Das haben wir zum Glück zum Großteil überwunden, haben Möglichkeiten gefunden, damit umzugehen, und wenn es vorübergehende Quarantäne ist. Doch heute ist es eher die Sehnsucht nach Befreiung vom Aussatz, vom Ausgeschlossensein auf Grund anderer Einstellungen zu Glaubens- und Lebensfragen, zur sexuellen Orientierung, zu was auch immer. Und da lassen sich viele Menschen heute eben nicht mehr zum Narren halten, nicht mehr für dumm verkaufen, oder mit schwafeligen Antworten und billigen Vertröstungen, die der Realität nicht stand halten, abservieren.   Wenn manche in diesen Tagen das Feiern von Karneval, das ausgelassene Treiben und fröhliche Miteinander sehr vermissen, und sich zurück halten müssen,  dann kommt  - sicherlich nicht nur mir - das Bild vom Clown und vom Narren in den Sinn.

Der Clown lebt davon, dass er anderen Freude und Hoffnung bringt, egal wie es ihm selbst geht.

Und dann wäre da noch das Bild vom eben schon erwähnten Narren: Jesus hat sich in seinem Verhalten und in seinem Einsatz für das Heil und die Heilung der ihm anvertrauten Menschen oft selbst zum Narren gemacht, der verspottet, ausgelacht und verhöhnt wurde, der auch für die Zwecke von Ansehen und Macht missbraucht wurde. Daran hat sich bis heute leider nichts geändert. Er und seine Botschaft wurden und werden bis heute – bis in die obersten Etagen der Macht – zum Narren gehalten.

ER, - dieser Heilung zum und im Menschsein bringende Jesus,- hat zu den Narren dieser Welt gehalten und sich selbst zum Narren gemacht, damit wir zu ihm, dem Narren halten. Jesus wollte,  - so deute ich den,  ihm durch den Evangelisten in den Mund gegeben Hinweis,  niemanden etwas zu erzählen, -durch sein heilendes Wirken nicht großes Aufsehen erregen, sondern Menschen schlicht und einfach wieder – oder erstmals und endlich – zu sich selbst finden lassen, befreit von allem, was sie hat zum Ausgestoßenen werden lassen. Menschen die Kraft und den Mut zu geben, endlich zu dem zu werden / zu der zu werden – der oder die sie sind.

Dafür hat sich Jesus zum Narren gemacht!

So sehr hat er sich zum Narren gemacht, dass es blutiger ernst wurde: „Die Soldaten flochten einen Kranz aus Dornen, den setzten sie ihm auf und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Sie stellten sich vor ihn hin und sagten: Heil dir König der Juden!“ (Johannes-Evangelium)   Sie trieben ihren Spott mit Jesus und hielten ihn zum Narren. Als hätte er es schon geahnt, dass es nicht gut ausgehen wird, bittet er den Geheilten streng darum, nichts zu erzählen.

Nicht für irgendwelche sich selbst schützenden, sich selbst erhaltenden und sich selbst verherrlichenden Machtstrukturen,  nicht für erniedrigende und Leben zerstörende Verhaltensweisenund der Realität und jeglicher Naturwissenschaft widersprechender Sätze und Lehren, die eh keine heilende und aufrichtende Wirkung haben, ließ er sich zum Narren halten, sondern um Menschen bis heute durch seine Berührungen in Wort und Tat zu heilen, vom Aussatz und von allem ihr eigenes Leben Zerstörendem und Behinderndem zu befreien.

Wer hält heute zu diesem Narren Jesus, der sich für uns hat zum Narren halten lassen?

Und so lasse ich zum Ende meiner Gedanken an diesem ungewöhnlichen und ganz anderen Karneval im Jahr 2021 die Kölner Gruppe Die Höhner sprechen bzw. singen  mit ihrem Lied „Der Narr“

Höhner - Der Narr

"Er war nur ein Träumer, ein Spinner ein Narr
ein Kerl, der zu nichts zu gebrauchen war
suchte nach Antwort, die er niemals fand
hatte Ideen, die keiner verstand
Sie haben versucht, ihn zu erziehn
ihn bedroht, geschlagen und angespien,
doch er blieb einfach das, was er immer schon war
ein Träumer, ein Spinner-einfach ein Narr
Er hielt einen Spiegel vor ihr Gesicht
sie sah'n nur den Narren, doch sich selbst sah'n sie nicht
Sie waren gefangen hinter offenen Türen,
Sie meinten er wolle die Kinder verführen
zerschlugen den Spiegel und sperrten ihn ein
sie dachten jetzt würd endlich Ruhe sein
Doch als sich diese Ruhe zu vergiften begann
kam die Zeit, wo man sich auf den Narren besann

Er suchte die Freiheit zu leben
doch sie hatten Angst vor allem was zählt:
Freiheit zu leben
Er suchte das Salz dieser Welt

Er war nur ein Träumer, ein Spinner, ein Narr
ein Kerl, der zu nichts zu gebrauchen war-
er schaute zum Himmel, sein Herz in der Hand
las in den Sternen, was keiner verstand
sie schlossen die Augen und hörten nicht zu
verlangten nach Ordnung verlangten nach Ruh
erst als Erde und Himmel voll Tränen war'n
riefen sie wieder nach Ihrem Narr'n

Er suchte die Freiheit zu leben
doch sie hatten Angst vor allem was zählt:
Freiheit zu leben
Er suchte das Salz dieser Welt

Er war nur ein Träumer, ein Spinner, ein Narr,
doch eine, die fand ihn ganz wunderbar,
Sie gab ihm Antwort und neue Ideen
sie konnte die Botschaft der Sterne verstehn
Sie nahm ihn ganz einfach so wie er war
als Träumer, als Spinner - eben als Narr
und neulich da hat sie mir lächelnd erzählt
der Narr war schon immer das Salz dieser Welt
der Narr war schon immer das Salz dieser Welt"

Ja, dieser Jesus, war im positivsten Sinn ein Träumer, ein Spinner, ein Narr – und er ist bis heute das Salz dieser Welt, bzw. er könnte es sein!

Halte ich, hältst Du, halten wir ihn zum Narren - oder halten  wir zu IHM, dem Narren?Wie heißt doch das diesjährige Kölner Karnevals-Motto: „Nur zesamme sin mer Fastelovend“! Nur zesamme sin mer die, die zum Narren Jesus halten!

Wenn Sie diese Gedanken auch hören möchten, finden Sie hier die Audidatei dazu: Predigt 6. So i JaKr (Audio, 4,8 MB)

Gedanken zum Evangelium vom 3. Sonntag im Jahreskreis

Kehrt um und glaubt an das Evangelium! (Mk 1, 14–20)

Im Markusevangelium hören wir: "Nachdem Johannes der Täufer ausgeliefert worden war, ging Jesus nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!

Als Jesus am See von Galiläa entlang ging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihre Netze auswarfen; sie waren nämlich Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, mir nach. Ich werde euch zu Menschen-fischern machen. Und sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach. Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her. Sogleich rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach."

Ich würde mal sagen: Ganz schön verrückt! Ganz schön verrückt diese jungen Männer die da alles stehen und liegen lassen, ihren Beruf, ihre Familie, ihre Heimat, und diesem Jesus folgen. Noch kennt ihn ja eigentlich keiner, will man meinen. Noch hat er keine großen Wunder vollbracht. Noch steht er ganz am Anfang seiner Verkündigung. Setzen wir diese Szene mal in die heutige Zeit. Da kommt, während Sie arbeiten, ein Mann, der sie auffordert alles loszulassen, den Job sausen zu lassen um ihm nachzufolgen. Wie würden Sie reagieren? Mein erster Gedanke wäre wahrscheinlich: „Ich bin doch nicht verrückt!“. Was wohl an dieser Situation so ungewöhnlich war, dass die Männer, die angesprochen werden, tatsächlich alles zurück lassen und mit diesem Jesus gehen? Schauen wir einmal hin. Die Römer waren die Herrscher in Israel. Sie hatten Land und Leute fest im Griff. Das erhöhte die Sehnsucht der Menschen, des jüdischen Volkes nach dem Messias, der sie retten und befreien möge. Eine große Sehnsucht war also in den Herzen dieser Männer. Vielleicht hatten sie schon hinter vorgehaltener Hand von diesem Jesus gehört, der da durchs Land zieht und zur Umkehr und Glauben an das Evangelium aufruft. Dann war da sicher auch eine große Portion Neugierde gegenüber Jesus. Aber das wirklich Entscheidende war dann wohl die Begegnung mit Jesus, von Angesicht zu Angesicht. Ich stelle es mir gerade vor. Jesus, ein schlicht gekleideter Mann, der nach der Beschreibung im Neuen Testament einen gütigen und wohlwollenden Eindruck macht, steht da und schaut ihnen zu. Was haben die Jünger wohl bei seinem Anblick gefühlt? Was ist in ihnen vorgegangen? Und dann kommt von Jesus nicht mehr (und nicht weniger) als die Aussage: „Kommt her, mir nach. Ich werde euch zu Menschenfischern machen.“(V.17) Das reichte ihnen. Sie mussten Jesu, trotz seiner menschlichen Gestalt seine Göttlichkeit angesehen haben, erkannt haben, dass er besonders ist. Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Jetzt brauchten sie nur noch den Mut, mitzugehen. Und sie hatten ihn, diesen Mut. Ich glaube, dass diese vier Eigenschaften der Männer am See auch ganz wichtig für uns und unsere Nachfolge Jesu heute sind. Es braucht Sehnsucht nach diesem Jesus, diesem Gott und Mensch, der die göttliche Liebe predigt. Es braucht Neugierde. Wer neugierig ist, der geht auch mal über seine Grenzen und aus seiner Komfortzone heraus um hinter das Geheimnis zu sehen. Es braucht Begegnung. Wenn wir immer nur ohne Rast und Ruh durchs Leben gehen, können wir ihn nicht sehen. Jesus hat uns sogar noch Hinweise gegeben, wo wir ihn finden. In den Armen, denen am Rande, den Menschen in unserem Umfeld, denen es vielleicht nicht gut geht, da braucht es unser hinsehen. Er hat auch darauf hingewiesen, dass wir selbst der Tempel Gottes sind. Da würde sich doch auch mal eine Begegnung in uns selbst anbieten. Aber in jedem Fall braucht es die Hinkehr zu ihm, vielleicht dann auch die Umkehr von manchen falschen Wegen, aber erstmal braucht es Zeit und Ruhe und Begegnung um IHN zu sehen, verhüllt, noch nicht von Angesicht zu Angesicht. Verhüllt, wie im Brot der Eucharistie. Und dann braucht es eine große Portion Mut. Mut, liebgewordenen Gewohnheiten loszulassen um für IHN Platz zu haben. Mut, alte Wege zu verlassen. Vor allem aber auch Mut, von ihm zu sprechen, von ihm zu erzählen, ihn zu den Menschen in der eigenen Umgebung zu bringen. Das geht tatsächlich nur, wenn er uns überzeugen kann. Lassen wir doch alle mal wieder die Sehnsucht in uns zu, werden wir neugierig und suchen wir Begegnung mit ihm. Ich glaube, dann können auch wir nicht anders, als für ihn unterwegs sein, in seinem Namen. Das heißt nicht immer, dass man alles Äußere und Heimat und Familie aufgeben muss. Aber es bedeutet vielleicht auch da von der Begegnung mit Jesus zu erzählen.

Ihre Sabine Jasperneite, Gemeindereferentin

Wenn Sie diese Gedanken auch hören möchten, finden Sie hier die Audidatei dazu:

Predigt am 3. So im Jahreskreis (Audio, 4 MB)

Gedanken zum Evangelium am 4. So im Jahreskreis

Er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat (MK 1, 21 - 28)

Sarah Bernhardt (1844 – 1923) war die wohl berühmteste Schauspielerin ihrer Zeit. Die Französin tourte durch die ganze Welt. Und obwohl sie ausschließlich in französischer Sprache spielte, war die Hingabe ihres Spiels und ihre Ausstrahlung derart faszinierend, dass selbst Zuschauer, die kaum ein Wort verstanden, mitgerissen wurden, wenn sie sie hörten.
Ich stelle mir vor, dass auch Jesus, wenn er lehrte, eine ähnliche Wirkung auf seine Zuhörer gehabt hat. Der Evangelist Markus berichtet nämlich in dem Abschnitt, den wir an diesem Sonntag hören, gar nicht von dem was Jesus lehrte, sondern nur von der Wirkung auf die Menschen, die ihn hörten. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Gefühl, dass hier jemand „mit Vollmacht“ lehrt, einzig von seinen Thesen herkam. Es muss auch in der Art und Weise wie er die Menschen ansprach etwas gewesen sein, das diesen Eindruck erweckte.
Natürlich kann sich der Mensch auch verstellen – so tun als ob. Und immer wieder in der Geschichte haben Menschen mit einer solchen Ausstrahlung andere Menschen verführt und ins Elend gestürzt. Darum folgt der Predigt Jesu noch ein Beweis seiner Vollmacht: die Heilung eines Besessenen. Die so kurz beschriebene Episode enthält jedoch einige bemerkenswerte Details, die erst bei genauerer Betrachtung auffallen. Da wäre als erstes die Tatsache, dass ein Besessener an der Versammlung am Sabbat in der Synagoge teilnimmt. Man würde doch davon ausgehen, dass so jemand diesen Ort meidet. Vor allem, wenn dem Dämon dort höchste Gefahr droht. Klar ist, dass die örtlichen Schriftgelehrten den Mann nicht heilen konnten und ihn auch nicht darin hindern konnten in die Synagoge zu gehen. Schließlich galt er ja als unrein und hätte deshalb nicht dort sein dürfen. Diese Besessenheit spiegelt etwas wider, wie es viele empfinden, die wie dieser Mann unter Zwangshaltungen leiden. Einerseits wollen sie geheilt werden, andererseits fürchten sie sich gerade davor, denn dann wird auf einmal das Leben ganz anders sein. Der unreine Geist macht noch etwas Bemerkenswertes: Er bekennt Jesus als den Heiligen Gottes. Zuvor spricht er in der Wir-Form von denen, die Jesus wohl ins Verderben stürzen will. Also meint er seinesgleichen und nicht die Menschen allgemein. Der unmittelbare Befehl und die Schärfe mit der Jesus dann die heilenden Worte spricht, betonen seine Autorität und seine Macht über alle Mächte des Bösen.
Sarah Bernhardt faszinierte ihre Zuschauer durch ihr Talent in eine Rolle zu schlüpfen, jemand anders zu sein. Jesus hingegen beeindruckte die Menschen seiner Zeit dadurch, dass er hundertprozentig er selbst war, der Heilige Gottes, der unbeirrt seinen Weg ging um uns Menschen zu erlösen. Lassen wir uns durch Jesus von dem befreien, was uns hindert ganz wir selbst zu sein.

Ihr Ulrich Birkner, Pastor


Wenn Sie diese Gedanken auch hören möchten, finden Sie hier die Audidatei dazu: Predigt 4. Sonntag i. JaKr (Audio, 3,3 MB)


Gedanken zum Evangelium von der Taufe Jesu

Taufe - zu was? (Markus 1,7-11)

Als er aus dem Wasser steigt  -  ist er wie neu geboren worden. Dann fängt er an. Er tritt von nun an öffentlich auf, predigt in Synagogen, schart eine neue Gemeinschaft um sich, rettet Kranke, Verfolgte, Verlorene  -  und ruft auf zu neuer Gerechtigkeit, die alle, die zu viel haben an Besitz, Macht und Einfluss, zur grundlegenden Änderung ihres Lebens führen soll. Das alles kennzeichnet die Herrschaft Gottes, die mit ihm da ist, da sein kann, immer wieder da sein soll.

Die Taufe mit Wasser hat Jesus also wach gemacht für die Herrschaft Gottes nach rund 30 Lebensjahren. Der Gott seines Volkes ist ein Gott für alle Menschen, für das Leben in Fülle aller Menschen heute und ewig. Die Herrschaft Gottes ist nicht begrenzt auf seine Religion. Religionen interessieren ihn ziemlich wenig. Ihn interessiert der Mensch, ihn interessieren alle Menschen. Jeder und jede kann sich der Herrschaft Gottes anschließen, denn in ihr gilt: Du sollst deinen Mitmenschen lieben, wie dich selbst.

Die Taufe hat Jesus wach gemacht und sie soll viele Menschen, ja alle Menschen, wach machen. Sie soll das Böse in und unter den Menschen abwaschen. Sie sei wie ein Bad im Wasserstrom der Liebe Gottes.

Diese Taufe Jesu hat sich in seiner neu gegründeten Gemeinschaft, die sich Kirche oder christliche Gemeinde nennt, bewährt. Es ist die Taufe mit Jesu Geist, die bis heute an unseren Taufsteinen, gespendet wird  -  ob die Taufbrunnen nun in einer evangelischen, orthodoxen oder katholischen Kirche stehen.

Die Taufe hat Jesus wach gemacht zum Auftritt in seiner Welt. Hat die Taufe Dich und mich wach gemacht? Die Taufe, die ich als kleines Kind in einer Kirche empfangen habe?

Vielleicht wurde ich wach und habe geschrien, weil das kalte Wasser mich gestört hat. Und sonst? Motiviert mich meine Taufe?

Dies ist die kritische Frage an mich. Es mag die kritische Frage an uns sein, die wir getauft sind. Zu was macht die Taufe hier und heute wach?

  • Dass ich bete  -  aber das geht auch ohne Taufe. 
  • Dass ich versuche anständig zu leben  -  also nach dem, was das Gebot der Nächstenliebe beinhaltet. Das ist schwierig genug. Das geht auch ohne Taufe.
  • Dass ich tätig bin, damit andere leben können und sie Jesus mit seiner Botschaft kennenlernen. Das ist auch schwierig  -  aber es wäre eine Aufgabe als Getaufter, dass ich meine Begründung zu entschieden mitmenschlichem Handeln in der Welt nicht verschweige.

Taufe macht wach, um Jesus zu folgen, in einer von ihm gegründeten Gemeinschaft. Leider können wir wegen der Pandemie nicht wirklich zusammenkommen  -  nur in kleinsten Gemeinschaften. Das sogenannte Gemeindeleben ist wie das ganze gesellschaftliche Leben runtergefahren, um menschliches Leben zu schützen.

Macht die Taufe, macht also die Zugehörigkeit zu Jesus mich trotzdem wach in der Pandemie? Wieder eine gute Frage – wie ich meine. Für was bin ich aufmerksam geworden und bleibe ich wach?

  • Ich erfahre neu, dass das Selbstverständliche nicht einfach da ist: Die gesundheitliche Versorgung, die Ausbildung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen, die immer so wichtigen Konferenzen.
  • Ich frage ganz neu danach, was denn die Gemeinschaft mit Jesus in der Gemeinde ist, wenn keine Gottesdienste, wenn keine Versammlungen, wenn keine Veranstaltungen sind.
  •  Was bleibt, wenn kaum was bleibt an wirklicher persönlicher Gemeinschaft?

Es bleiben die kleinen Gemeinschaften, die kurzen, beiläufigen Begegnungen, die freundschaftlichen Bindungen  -  die bei Jesus auch da waren  -  denken wir an die letzten Begegnungen unter dem Kreuz: Maria, Johannes, die Frauen, Veronika, Simon von Cyrene  -  sie waren da und er war da  -  beieinander und füreinander.

Wer ist füreinander da in der Pandemie? Motiviert die Verbindung zu Jesus dazu, füreinander da zu sein?  Vermittelt die Gemeinschaft der Getauften Hoffnung und Zuversicht auf neuen Wegen, die sich in der Pandemie auf einmal auftun?

Jemand hat über die Getauften gesagt: Am Ende entscheidet, ob die Menschen, die eine Gemeinde bilden, einander Freunde sein können.   (Tedeum, 2021, S 61).

Dazu bin ich getauft worden. Damals  -  für heute  -  und für die Ewigkeit!

Am Ende entscheidet, ob die Menschen, die eine Gemeinde bilden, einander Freunde sein können.

Ihr Pfr.  Georg Schröder

Gebet: Guter Gott, der Geist, den du uns z.B. in der Taufe schenkst, ist nicht der Geist des moralischen oder theologischen Besserwissens. Es ist der Geist des Beieinanderbleibens, des Interesses aneinander, des Zuhörens und des gemeinsamen Ausharrens in Geduld. Stärke uns mit diesem Geist, damit wir einander und dich nicht verlieren. Amen.   (TeDeum, 01/2021, S. 101)

Wenn Sie die Predigt auch hören wollen, finden Sie hier die Audiodatei: Predigt Taufe des Herrn ( Audio, MP3, 2,5 MB)

Gedanken zum Evangelium vom 2. Sonntag im Jahreskreis

„Seht, das Lamm Gottes“ …schauen auf Jesus Christus (Joh 1, 35 – 42)

Ein beeindruckender, charismatischer  Mann  muss dieser Johannes der Täufer gewesen sein. Menschen hörten auf und  folgten ihm. Ob es ihm leicht gefallen ist, von sich weg auf jemanden anderes hinzuweisen, von dem  er spürte, dass er göttliche Kraft und Liebe ins sich trug mehr als alle anderen. Wir wissen es nicht. Doch seine Aufforderung „Seht, das Lamm Gottes“ hat Konsequenzen. Die Jünger, die in der Nähe waren, wurden hell-hörig und  so offen, dass sie sich auf die Begegnung mit diesem Jesus, dem Lamm Gottes, einlassen konnten. Sie haben der Weg-Weisung von Johannes vertraut und konnten im Laufe der nächsten Zeit entdecken, wie Jesus mit seiner Botschaft  auch für sie zum Weg, zur Wahrheit und zu ihrem Lebensgrund wurde.

Seht, das Lamm Gottes – ein Satz, der Einzug gehalten hat in die Liturgie der Kirche. Er beinhaltet die Einladung hinzuschauen mit den Augen des Glaubens auf diesen Jesus Christus, der sein Leben hingegeben hat, um unser Leben von aller Brüchigkeit zu heilen und in eine Zukunft zu führen, die ewig ist und voller Heil.  Unzählige Male habe ich diesen Satz wie vermutlich viele von Ihnen auch als Begleitwort beim Brotbrechen und als Einladung vor dem Kommunionempfang gehört. In diesem kleinen Stück Brot begegnet mir Jesus Christus selbst  und  schenkt mir seine Liebe, seinen Frieden  Als Kind habe ich meinen  Eltern, der Religionslehrerin, dem gütigen Dorfpastor vertraut und ihren Weg-Weisungen, dass diese Worte ihren Sinn haben. Zudem fand ich die Prozessionsfahnen und bildlichen Darstellungen in den Kirchen und Kapellen mit dem Osterlamm und der Siegesfahne durchaus schön. Als Jugendliche begann das kritische Hinterfragen. Ein Lamm, Symbol für Wehrlosigkeit, Geduld und Friedfertigkeit als Symbol für einen Gott, mit ich doch die Welt verändern wollte. Der Zugang wurde zugegeben schwieriger. Als Studentin kamen Erkenntnisse aus den verschiedensten Sparten der Theologie hinzu. Ich kann mich an heftige Diskussionen erinnern über Kreuzestod, Erlösung, Auferstehung und  die Bedeutung von Eucharistie. Ich möchte sie nicht missen, weil für mich Nachdenken und Nachfragen auch schon immer ein Ausdruck des Glaubens ist – Gott sei Dank auch heute noch.

Seht, das Lamm Gottes – Was verbinden  Sie mit dieser Einladung, wenn Sie ihr als Christin oder Christ  folgen? Sind es Phasen guter Gewohnheit bei der Mitfeier der Hl. Messen und dem Kommunionempfang oder besonders intensive religiöse  Erfahrungen bei wichtigen Ereignissen im Leben? Ist es der Einsatz für Projekte der Nächstenliebe und Solidarität? Vielleicht haben Sie sich aber auch schon manches Mal die Frage gestellt, was bedeutet mir dieser Jesus Christus wirklich und ganz persönlich, sein Weg zum Kreuz, sein Tod und seine Auferstehung, seine Verheißung, dass mir ein Leben in Fülle geschenkt wird? Ähnlich wie Johannes der Täufer faszinieren mich auch heute  Menschen, die überzeugend und authentisch die Einladung weitergeben „Seht, das Lamm Gottes – Seht auf diesen Jesus Christus“ und die gleichzeitig unseren Blick weiten „Seht auf die, die in denen er Euch begegnet“: Seht auf die, die an den Rand gedrängt werden, auf die, die unter Hunger und Gewalt leiden! Seht auf die, die einsam sind und große Sorge vor der Zukunft haben! Und vielleicht würde Jesus selbst ergänzen. „Seht auch auf die Kirche, die Ihr die meinige nennt, und seht, wo ihr mir und meiner Botschaft wirklich Raum gebt…“

Ihre Bernadette Klens, Gemeindereferentin

Wenn Sie diesen Text auch hören möchten, finden Sie hier die Audiodatei: Predigt 2. Sonntag im Jahreskreis (Audio, MP3, 1,7 MB)


Ein Segen für das neue Jahr

Neujahr 2021 - Gedanken zur Lesung-Numeri 6,22-27


Die Erste Lesung zum Hochfest der Gottesmutter / Neujahr ist ein Segenswort aus dem Buch Numeri 6,22-27:

Der HERR sprach zu Mose: Sag zu Aaron und seinen Söhnen: So sollt ihr die Israeliten segnen; sprecht zu ihnen: Der HERR segne dich und behüte dich. Der HERR lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der HERR wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen und ich werde sie segnen.

Der sogenannte Aaronitische Segen steht also am Anfang eines Neuen Jahres. Es ist ein bekanntes Segenswort in unseren Kirchen unterschiedlicher Konfession. Es ist die Zusage, dass der HERR, also der unbegreifliche Gott, bei seinen Leuten ist, ihnen Gnade erweist und Frieden schenkt. Der HERR meint es also gut mit denen, die sich ihm anvertrauen. In dem Frie-denswunsche steckt aber auch die Zusage, dass er es gut meint mit allen Menschen. Denn Frieden gibt es nur, wenn alle ihn wollen, ob sie nun an den HERRN glauben oder nicht.

Wie wird aber dieser Segen verwirklicht unter uns?

Er wird verwirklicht durch uns, die wir uns segnen lassen. Wir lassen die gut meinenden Worte in uns wirken und verwirkli-chen sie durch unser Tun. Wir Menschen segnen also auch.

In den vergangenen Tagen (27.12.2020) wurde mir im Te Deum – das Stundengebet im Alltag dieses Segenswort zugespro-chen, ein Wort, das den aaronitischen Segen umsetzt in mein und unser Leben. Gott, segne uns mit Menschen, zu denen wir gehören. Segne uns mit Menschen, denen wir vertrauen. Segne uns mit Menschen, an denen wir wachsen können. Segne uns mit Menschen, mit denen wir zusammen glauben und beten dürfen. Amen.

Dieses Segenswort möchte ich uns in die Zukunft des neuen Jahres 2021 führen lassen:

Gott, segne uns mit Menschen, zu denen wir gehören. Zu wem gehöre ich heute und im kommenden Jahr? Zu wem kann ich gehen, wenn ich niedergeschlagen bin? Wer ist da für mich und für wen bin ich da während der bleibenden Corona-Pandemie?

Segne uns mit Menschen, denen wir vertrauen. Wem vertraue ich voll und ganz und wem nicht mehr? Wes-sen Vertrauen möchte ich im neuen Jahr gewinnen und was tue ich dafür an vertrauensbildenden Maßnahmen? Wem ver-traue ich in der Kirche, in der Politik, in der öffentlichen Meinung?

Segne uns mit Menschen, an denen wir wachsen können. Mit wem bin ich im kritischen Gespräch und höre ihr oder ihm zu? Lasse ich gut begründetes Wissen und Argumente an mich heran und korrigiere mein Verhalten zum Wohle der an-deren und auch zum eigenen Wohl im Umgang mit dem Corona-Virus, in meinem Lebensstil (Klimawandel), bei handfesten Konflikten?

Kann ich mit gemeinsam errungenen Entscheidungen leben, auch wenn sie nicht so ausgefallen sind, wie ich es wollte? Und wenn ich Macht über andere besitze durch meine Stel-lung in der Familie, in der Kirche, im Beruf  -  wie gehe ich damit um? Achte ich die anderen, die von mir abhängig sind, und erwachsen daraus überzeugende Entscheidungen?

Segne uns mit Menschen, mit denen wir zusammen glauben und beten dürfen. Das ist heutzutage ein großartiges Geschenk, wenn ich mit anderen zusammen glauben kann. Meistens geschieht das bei mir entweder in einem Gottesdienst, in dem durch seinen Ri-tus jeder und jede geschützt ist mit seinem oder ihrem Glau-ben, oder aber in einem Gespräch, das offenbart, was und wie ich glaube.

Das gemeinsame Beten ist ein noch größeres Geschenk, und bedarf eines Rahmens, in dem jeder und jede überzeugt und vernünftig mitbeten kann. Überlieferte Gebete wie z.B. das Vaterunser sind immer eine große Hilfe.

Gott, segne uns mit Menschen! Unsere kirchlichen Gemeinschaften unterschiedlichster Art haben in 2021 und darüber hinaus eine gute Zukunft, wenn ich, wenn wir diese gesegneten Menschen sind. Bin ich dabei? Bist Du dabei? Lasse ich mich dafür segnen? Lässt Du Dich dafür segnen.

Ich hoffe für Dich und für mich und für uns, dass es so sei. Amen.

Ihr Pfr.  Georg Schröder

Wenn Sie die Neujahrsprigt auch hören wollen, finden Sie hier die Audiodatei: Predigt Neujahr 2021 (Audio, MP3, 3MB)

Predigt Weihnachten 2020

zu "Blinde Passagiere" von Johannes Örding - 2020


Wir können die Brücken nicht mehr sehen

Zu viele Mauern aus Zement
Wir spüren nicht mehr, was uns verbindet
Nur diese Kälte, die uns trennt
Wir sind 'n kleiner Teil des Ganzen
Doch können das Ganze, das Ganze nicht mehr teilen
Sind so unendlich viele Menschen
Aber viel zu oft allein

Wir sind wie blinde Passagiere
Treiben einfach so umher
Auf 'ner kleinen blauen Kugel
Durch das große schwarze Meer
Wir sind wie blinde Passagiere
Wissen nicht, wohin es geht
Und wenn man irgendwann aussteigt, will doch jeder sagen:
Wir ha'm geliebt, wir ha'm gelebt

Es lag noch nie in unseren Händen
Wir werden irgendwo geboren
Manchmal mit Löchern in den Taschen
Manchmal in Silber ohne Sorgen
Mal haben wir weniger als nichts
Doch machen mehr als alles, mehr als alles draus
Mal kriegen wir 'nen Platz am Fenster, ohh
Aber gucken gar nicht raus

Wir sind wie blinde Passagiere
Treiben einfach so umher
Auf 'ner kleinen blauen Kugel
Durch das große schwarze Meer
Wir sind wie blinde Passagiere
Wissen nicht, wohin es geht
Und wenn man irgendwann aussteigt, will doch jeder sagen:
Wir ha'm geliebt, wir ha'm gelebt
Wir ha'm geliebt, wir ha'm gelebt

Wir sind wie blinde Passagiere
Treiben einfach so umher
Und wenn man irgendwann aussteigt, will doch jeder sagen:
Wir ha'm geliebt, wir ha'm gelebt

Wir sind wie blinde Passagiere
Treiben einfach so umher
Auf 'ner kleinen blauen Kugel
Durch das große schwarze Meer
Wir sind wie blinde Passagiere
Wissen nicht, wohin es geht
Und wenn man irgendwann aussteigt, will doch jeder sagen:
Wir ha'm geliebt, wir ha'm gelebt

Bei einer der vielen TV-Diskussionen über die Corona-Pandemie hat zum Schluss Johannes Örding dieses Lied gesungen. Es besingt, so meine ich, das Lebensgefühl vieler Menschen in diesem Corona-Jahr 2020.

Lied einspielen

  • Wir sind auf dieser Erde und rasen auf ihr durch das Weltall. Wir wissen nicht, wohin es geht, außer, dass es um die Sonne geht und irgendwann mit uns nicht mehr weiter geht auf dieser Erde, wenn wir so leben wie wir leben, mehr gegeneinander als mitei-nander.
  • Wir sind wie blinde Passagiere auf einem Schiff, fühlen uns nicht unbedingt willkommen, weil Grenzen vor Flüchtenden geschlos-sen werden, weil kranke Menschen in Pandemie-Zeiten nicht besucht werden dürfen, weil wir hinter den Mauern unseres Zuhauses bleiben müssen, um uns nicht mit dem Virus anzustecken.
  • Wir sind so viele, 7,5 Milliarden  -  und doch oft alleingelassen, selbst in unserer hoch entwickelten Gesellschaft. Und wer hat schon einen Gesamtüberblick über die Weltprobleme, über die Entwicklungschancen und die politischen Kräfte?

Wann werden wir als blinde Passagiere sehend? Wann können wir in all den großen und kleinen Problemen hoffen, dass diese kleine blaue Kugel wertvoll bleibt für uns?
Wenn wir zurückblickend feststellen: Wir haben geliebt. Wir haben gelebt.

„Liebe und Leben“ ist die Botschaft von dem, der diese kleine blaue Kugel ins Weltall geworfen hat, denn ich sehe unseren christlichen Glauben mit dem Lebensgefühl dieses Liedes verflochten. Wenn Menschen von unserem Gott etwas erfahren haben, dann, dass der so Unbegreifliche Liebe und Leben will auf dieser kleinen blauen Kugel mit 7,5 Milliarden Menschen.

Einer von diesen Milliarden Menschen leuchtet als Liebe glasklar und lebt vollkommen  -  Jesus von Nazareth. In ihm lebt auf das Reich Got-tes, das Reich der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Friedens. Er macht das bis zum Ausstieg am Kreuz. Er ist nicht wie ein blinder Passagier  -  nein, er zeigt sich, ist mutig und bereit zum Konflikt, um für unbedingte Liebe und für qualitatives Leben einzutreten. Er hat geliebt, er hat gelebt  -  einzigartig vor 2000 Jahren. Sein Geist motiviert Menschen damals, heute und morgen. Er ist universal wirksam nicht nur in Christinnen und Christen.

Seine Geburt ist es wert, dass wir sie feiern. Wir feiern sie richtig, wenn wir jeden Abend sozusagen beim täglichen Ausstieg resümieren:
Wir haben geliebt, wir haben gelebt.

Dann wäre jeder einzelne Mensch ein sichtbares Zeichen für alle ande-ren Menschen, dass die Erde da ist für alle, dass jeder Mensch sein darf, dass Solidarität positiv wirkt.

Ist unser wunderbarer, blauer Planet mit dem Menschen Jesus und mit allen, die in seinem Sinne zu leben versuchen, nicht wie ein Zeichen, das Gott uns gegeben hat? Ein Hort der Liebe inmitten kalter Dunkel-heit? Eine Krippe des Lebens für die ganze Menschheit?

Wir wissen nicht wohin es geht, aber wir können Geborgenheit ver-schenken, Liebe teilen und Leben gönnen  -  weltweit. Dies wäre Weih-nachten für alle auf der kleinen blauen Kugel. Wir sind wie blinde Passagiere, die einander ansehen  -  liebevoll und lebenshungrig.

Ihr Georg Schröder, Weihnachten 2020

Einen Gruß zum Weihnachtsfest finden Sie auf dem YouTube Kanal des Pastoralverbundes!

Gedanken zum Evangelium am 3.Advent 2020

Da fragten sie ihn: Wer bist du? (Joh 1, 6-8.19-28)

„Wer bist Du?“ – „Ich bin nicht Frau Müller.“ 

Auf eine genaue Frage nach der Identität eine so ungenaue Antwort zu bekommen, stellt die Geduld auf die Probe. Stellen Sie sich das mal bei sich zu Hause an der Haustür vor oder an Ihrem Arbeitsplatz. Leute in Uniform klingeln und fragen: „Wer bist Du?“ Und Sie antworten: „Ich bin nicht Herr Kalkowski.“ So war die Szene vor 2000 Jahren. Johannes der Täufer bekommt von einer offiziellen Kommission aus Tempelangestellten (Priester und Leviten) die präzise Frage nach seiner Identität gestellt und antwortet ungenau. „Wer bist Du?“ – „Ich bin nicht der Messias!“ Erhielte vor Gericht der Richter nach einer Frage zur Identität eines Prozessbeteiligten eine solche Antwort könnte er auch ungeduldig werden: „Wer sind Sie?“ – „Ich bin nicht der, den Sie hier erwarten!“ 

Vielleicht ist es umgekehrt das, was Johannes den Täufer nervt: die falschen Erwartungen oder einengenden Schubladen, die Fragesteller haben können. Mächtige können es nicht ertragen, dass sie Konkurrenz bekommen und fürchten darum jeden. Ein Messias ist eine Gefahr. Ebenso ein Prophet, der für Aufruhr sorgt. Eiferer können Abweichler nicht dulden. Wer von ihrer Lehre abweicht ist eine Gefahr, die frühzeitig weggesperrt gehört. Vielleicht hilft es aber auch Johannes, dass er sich selbst vergewissert, was er kann und was er nicht kann. Was er möchte und was er nicht will. Darum empfinde ich für mich die Frage an Johannes den Täufer „Wer bist Du?“ sehr passend. Es passt für mich in den Advent, mir selbst diese Frage zu stellen: Wer bist Du? Kann ich, wie Johannes der Täufer, Platz machen für den, der da kommen soll, für den Messias? Kann ich mich wie Johannes der Täufer abgrenzen von falschen Erwartungen und Ängsten um mich herum? Weiß ich, was ich Weihnachten möchte und was ich nicht möchte? Sind mir die ermutigenden Botschaften wichtig, wie sie für Johannes den Täufer bedeutsam sind, und er sie am Jordan weiter erzählt? Johannes der Täufer ist die Gestalt des Advent und für die Menschen vor 2000 Jahren eine Herausforderung mit seinen Predigten und der Taufe zur Umkehr. Seine Botschaft, dass der Messias kommt hat sein Herz erfüllt und er hat sehr konsequent davon weiter erzählt. 

Darum ist diese Botschaft eine Herausforderung vor 2000 Jahren aber auch genauso für uns in diesem Jahr 2020. Diese Worte des Johannes entlasten: Der Retter der Welt wird kommen und ich brauche es nicht zu sein. Johannes hatte das für sich klar und ich –hoffentlich!- auch. Dennoch brauchen auch in diesem Jahr die Menschen Mut machende Botschaften. Wie Johannes der Täufer kann ich aufbauend auf Weihnachten verweisen. Jesus ist der Messias – der Retter der Welt - und er wird kommen. Das ist die Botschaft von Johannes auch an mich. Diese Predigt kann mich entlasten und befreien. Und mit dieser Botschaft im Herzen gelingt es mir dann vielleicht auch eine schöne Geste oder das richtige Wort zu finden, für die Nachbarin, die alleine lebt, für den Obdachlosen, der vor der Tür steht, für den Flüchtling am Rande des Dorfes...

„Wir sagen Euch an den lieben Advent.
Sehet, die Dritte Kerze brennt.
Nun tragt eurer Güte hellen Schein
weit in die dunkle Welt hinein.“
GL 223, 3

Einen gesegneten Dritten Advent
Ihr Erik Richter

Wenn Sie diesen Text auch anhören möchten, finden Sie hier den Link dazu:

Gedanken zum Evangelium am 3. Advent (Audio, 1Mb)

Gedanken zum Evangelium am 4.Advent 2020

...mir geschehe, wie du es gesagt hast. (Lk 1, 26-38)

Liebe Mitchristen, 

ich bin richtig froh, dass Maria „Ja“ gesagt hat. Ich bin so froh, dass durch ihr „Ja“ Jesus Christus ins Leben von uns Menschen, aber auch in mein ganz persönliches Leben, treten konnte. Jesus ist mein Halt, mein Schutz und mein Anker. Das kann ich aus tiefstem Herzen sagen. Ich kann mir ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Aber hätte ich so einfach „Ja“ sagen können, wie es Maria getan hat? Das frage ich mich manchmal und eine ehrliche Antwort ist, dass ich es wahrscheinlich nicht so einfach hätte sagen können. Was würden Sie aus Ihrer Sicht auf diese Frage antworten? Umso mehr bewundere ich diese Frau, Maria, die ohne zu wissen, was genau auf sie zukommt, „Ja“ gesagt hat. Wie wir aus der Bibel wissen, war das, was dann folgte, alles andere als einfach. Beginnend mit der Tatsache, dass sie ihrem Verlobten erklären musste warum sie schwanger war. Dann der beschwerliche Weg nach Bethlehem, die Geburt, die Flucht nach Ägypten, die vielen Jahre der Kindheit Jesu und dann, als Jesus wirkte, die vielen Reaktionen auf ihn bis hin zur Kreuzigung, die sie mit anschauen musste. Nein, dieses „Ja“ hat ihr viel Unruhe und Schmerz gebracht. Natürlich wusste sie das nicht, aber ich denke, auch wenn sie es gewusst hätte, wäre ihr „Ja“ aus dem tiefen Vertrauen auf und in Gott vorbehaltlos gewesen. Das finde ich, im wahrsten Sinne des Wortes, stark! Sie hatte so ein großes Vertrauen in die Allmacht und das Wirken Gottes. Sie vertraute darauf, dass alles Schwere einen Sinn hat und für ein größeres Ziel, das nur Gott erkennen kann, passiert. Ich wünschte, ich könnte genauso vertrauen wie Maria. Ohne Wenn und Aber, ohne Gott meine eigenen Wünsche aufzudrängen, weil ich vermeintlich gut oder besser weiß, was die Welt braucht, was ich persönlich brauche. Ziemlich bewusst ist mir dies geworden, als ich für das Ende der Pandemie beten wollte. Diese schreckliche Krankheit, die so viele Menschen auf der ganzen Welt getroffen hat, ob körperlich oder seelisch. In dem Moment, wo ich nach Worten für mein Gebet suchte, kam mir der Gedanke: Glaubst du wirklich, dass Gott daran etwas ändern kann oder ändern will? Um was willst du ihn bitten? Warum hat er denn nicht schon längst etwas getan? Diese Gedanken quälen mich immer mal wieder, da bin ich ganz ehrlich. Und es macht mich traurig, dass ich, trotz meiner großen Liebe zu Jesus Christus, so denke und mein Glaube dann doch so schwach ist. Da kann mir Maria echt ein Vorbild sein. Sie glaubte ohne Vorbehalte. Sie glaubte den Worten „Fürchte dich nicht“ und nahm die Worte des Engels, so schwierig sie zu verstehen waren, für wahr. Dann sprach sie diese Worte, die ich dann in meiner Unbeholfenheit auch manchmal nachspreche, in der Hoffnung, dass sie in mein Herz sickern: Mir geschehe nach deinem Wort.  Was spüren Sie in sich, wenn Sie an ihr Vertrauen zu und in Gott denken? Kann Maria auch für Sie ein Vorbild sein? Es ist, glaube ich, menschlich, dass beides im Menschen vorhanden ist: das Zweifeln und manchmal auch Verzweifeln und die tiefe innere Gewissheit, dass Gott in uns, in unserem Leben wirkt. Wenn wir uns vorbehaltlos auf seine Führung einlassen, dann wird das Leben zu einem Abenteuer. Er zeigt uns seine Wege, mit so manchem Wunder, denn für Gott ist nichts unmöglich.

Ihre Sabine Jasperneite, Gemeindereferentin

Wenn Sie diesen Text auch anhören möchten, finden Sie hier den Link dazu:    Gedanken zum Evangelium am 4. Advent (Audio, MP3, 4MB)

Gedanken zum Schrifttext am ersten Adventssonntag 2020

»Reiß doch den Himmel auf und komm herab!« (Jes 63,19)

Christliche Glaubenszusagen und unsere Lebenswirklichkeit  -  passt das alles noch zusammen?

Der Glaube sagt uns z.B., dass Gottes Schöpfung eine gute Schöpfung sei. »Gott sah alles an, was er gemacht hatte: es war sehr gut« (Gen 1,31). Der Glaube sagt uns weiter, dass Gott das Heil aller Menschen will und wir Menschen heilsam miteinander umgehen sollen.

Dagegen erfahren wir: Wirbelstürme zerstören menschliche Siedlungen. Viele Arten von Tieren und Pflanzen sterben aus durch menschenverursachten Klimawandel. Kriege nehmen kein Ende. Die Pandemie ist nur sehr mühsam zu bekämpfen und fordert unschuldige Opfer. Hinzu kommen all die Brüche und Zerreißproben im persönlichen Miteinander, wenn Absprachen nicht eingehalten werden, wenn Regeln hintergangen werden, wenn eigene Interessen nicht abgewogen werden mit dem Interesse des Gemeinwohls einer Gruppe, einer Gemeinde, eines Staates.

Man möchte aufschreien und als gläubiger Mensch seinen Gott, den guten Schöpfer aller Dinge, den Schöpfer des Menschen, in die Verantwortung nehmen: Hast du diese schrecklichen Webfehler im Kleid deiner Schöpfung und im Gewand des Menschen »übersehen«? Was hast du dir bloß dabei gedacht? Es ist so schwer, Gott,  dich als den menschenfreundlichen und lebensspendenden Gott zu verehren, und gleichzeitig zu erfahren, dass hier auf deiner Erde so vieles drunter und drüber geht.

Wo ist denn unser Gott, wenn es der Welt und vielen Menschen unverschuldet dreckig geht? Seit dem Holocaust, seit der systematischen Ermordung von 6,5 Millionen gottgläubigen Juden durch gottgläubige Christen ist diese Frage eine Bruchstelle in unserer Christentumsgeschichte.

In der tiefsten Not gefühlter Gottverlassenheit, in dem Elend durch die Vertreibung aus der gottgeschenkten Heimat und während der Gefangenschaft in Babylon  -  in diesem Elend findet das Volk Gottes  -  findet Israel  -  findet das Judentum den Weg des Gebetes: Gott  -  Reiß doch den Himmel auf, und komm herab! Hättest du doch den Himmel zerrissen und wärest herabgestiegen, so dass die Berge vor dir erzitterten.

Welches Anliegen steckt dahinter? Um die Not zu wenden, muss Gott seinen Himmelsvorhang aufreißen und hervortreten. Er muss herabkommen in diese miserable Welt. Dieser Schrei wird zur Anklage: Komm herab und schau dir deine gute Schöpfung an, schau dir an, was daraus geworden ist!

Der Notschrei des Propheten Jesaja aus dem 6. Jahrhundert vor Christus wurde zu dem beliebten Adventslied »O Heiland, reiß die Himmel auf!« (GL 231) Friedrich Spee verfasste das Lied 1622 in den ersten Jahren des Dreißigjährigen Kriegs, in einer Zeit, die geprägt war vom Morden im Namen Gottes, überzogen von Hunger und Elend.

Spee ist besonders bekannt geworden durch seine leidenschaftliche Kritik am Unrecht der Hexenprozesse. Da hat er anonym eine Wende bewirkt  -  anonym, weil er sonst selber durch die Kirche auf dem Scheiterhaufen gelandet wäre.

Dieses Adventslied hat nicht den
schönen Klang von Stille Nacht. Es singt laut heraus die Sehnsucht nach
einer neuen Schöpfung, geschaffen durch den Heiland, den neuen Menschen.
Es besingt eine neue Schöpfung für alle  -  einen neuen Himmel und eine
neue Erde.Tragen wir diese Sehnsucht in uns? Oder haben wir uns
arrangiert mit den Bruchstellen des Lebens  -  dem Abbruch vom Guten,
Schönen und Heilsamen?

Der Schrei »Reiß doch den Himmel auf und komm herab!« ist der verzweifelte Wunsch an Gott, doch um Himmels willen die Schöpfung nicht sich selbst zu überlassen.

Und was durfte Israel erfahren? Sie wurden befreit aus Babylon, fielen aber wieder in die alten Fehler. Dann kam einer, der aus unserer christlichen Erfahrung eine neue Schöpfung war: Jesus von Nazareth. Neue Schöpfung? Wie das? Was hat er getan? Er hat keine Erdbeben beseitigt, keinen Krieg beendet und keine neue Welt für alle geschaffen. Er war kein heldenhafter Retter, Politiker oder Machthaber.Er hat aber die Not seiner Mitmenschen glasklar gesehen. Er hat die Menschen in ihrer Not angesprochen und etwas mitgeteilt, das ihnen irgendwie einen neuen Anfang ermöglichte.

Sein befreiender Blick auf das Los der Menschen und sein Beispiel, dass Gerechtigkeit getan werden kann bis zur Selbstaufgabe, er selbst also war überzeugend, war wie ein offener göttlicher Himmel für seine Zeitgenossen.

Jesus hatte kein einziges egoistisches Interesse. Einziges Interesse war, vom Reich Gottes mitzuteilen  -  von einem Reich, das uns Menschen immer neu machen wird und jetzt schon neu machen kann. Dieses Reich ist wie eine Neuschöpfung hier und jetzt und nach dem Tod. Dieser Mensch Jesus konnte die Bosheit in seiner Welt zwar nicht beenden, aber er war im Bösen nicht böse. Er lebte das richtige Leben im Falschen.

In seinem Leiden blieb er liebevoll. Das ist schon übermenschlich. Am Kreuz reißt der Himmel auf. Gott reißt am Kreuz den Himmel auf  -  mit einer Neuschöpfung durch den Tod hindurch. Auferstehung. Das feiern wir in der Eucharistie, im Brot, das gebrochen wird  -  Zeichen für eine gebrochene Welt, die nicht hoffnungslos ist, weil nur gebrochenes Brot verteilt werden kann und uns Menschen nährt. Wie eine Neuschöpfung halt!

Diese Erfahrung zu hören und zu teilen tröstet mich und tröstet Sie vielleicht auch  -  tröstet im Jammertal  -  um das Lied nochmal zu zitieren. Das mag unsere Erfahrung sein, um in unserer Welt mit den vielen Bruchstellen nicht unterzugehen. Amen

Hubert Brosseder und Georg Schröder

Wenn Sie diesen Text auch anhören möchten, finden Sie hier den Link dazu: Gedanken zum Schrifttext am 1. Advent (Audio, mp3, 3MB)

Gedanken zum Evangelium am 2.Advent 2020

Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! (Mk 1,1-8)

Beim Eishockey gibt es ihn schon sehr lange. Beim Fußball hat man ihn erst vor einigen Jahren in die Statistik eingeführt: den Scorer-Punkt. Ihn erhalten diejenigen, die als Vorbereiter wesentlichen Anteil an einem Tor haben und ohne deren Vorarbeit die Torschützen gar nicht zum Zug gekommen wären. Selbst der Messias hatte so einem Flankengeber – Johannes den Täufer. Mit ihm beginnt der Evangelist Markus seine Erzählung über Jesus Christus, den Sohn Gottes, welche er Evangelium nennt. Dieser Begriff wird dann auch für die Schriften von Matthäus, Lukas und Johannes eingesetzt. Beim Eishockey werden (falls vorhanden) sogar die zwei letzten Spieler mit einem Scorerpunkt bedacht, die vor dem Torschützen den Puck zuletzt berührten. Auch Markus geht noch einen Schritt zurück und verweist auf den Propheten Jesaja. Er hatte nicht nur den Gottesknecht vorausgesehen, sondern auch den Rufer in der Wüste, der im vorangeht. Und so trat Johannes auf. Fans hatte er wohl reichlich. „Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus“, schreibt Markus. Nun ja, das mag wohl etwas überzogen sein, doch zeigt es, dass Johannes bei den Menschen ankam. Das Umkehren war keine Erfindung des neuen Testaments, sondern gab es schon vorher. Die Bereitschaft dazu war beim Volk aber unterschiedlich. In der Gefangenschaft war sie deutlich stärker, als zur Zeit der Könige. Zu Johannes´ Zeiten waren die Römer als Besatzer im Land und die Umkehrbereitschaft der Menschen offenbar deshalb auch größer. Der 6.Vers mag für uns heute am unverständlichsten sein. Warum erzählt uns Markus etwas über Kleidung und Nahrung des Johannes? An Modeinteressierte hat er bestimmt nicht gedacht. Nein, das härene Gewand, wie wir es noch einem Lied besingen, ist ein Zeichen seiner Sendung – eine Visitenkarte des Propheten, wenn man so will. Johannes verweist schließlich auf den, der nach ihm kommt. Jener steht so hoch über ihm, dass er sich selbst als unwürdig erachtet auch nur den niedrigsten aller Sklavendienste an ihm zu vollziehen. Das Lösen der Schuhriemen wurde nämlich nur nicht-jüdischen Sklaven zugemutet. Das bedeutet aber auch, dass die Umkehr nicht das Ziel in sich ist, sondern nur der erste Schritt zur Vorbereitung auf die Begegnung mit dem Messias. Darum haben wir vor Weihnachten und Ostern die Vorbereitungszeiten von Advent und Fastenzeit. Wir sollen umkehren und so vorbereitet sein auf Christus.

Er sendet uns seinen Geist. Und wenn wir uns von diesem leiten lassen, bleibt unser Handeln ausgerichtet auf das Reich Gottes. Dadurch können wir zu kleinen Hinweisen auf das Licht des „Stärkeren“ werden. So wie das Licht des Sterns für die Weisen aus dem Morgenland ein Hinweis auf das Licht der Welt in der Krippe war. So sollen wir vorbereitet und Vorbereiter sein für den kommenden Christus. Je besser wir diese Aufgabe machen, desto mehr Grund zum Freuen werden wir haben. Und diese Freude teilen in einem Team alle gemeinsam


Ihr Ullrich Birkner, Pastor

Wenn Sie diesen Text auch anhören möchten, finden Sie hier den Link dazu:

Gedanken zum Evangelium am 2. Advent (Audio, 3,5 MB)

Gedanken zu den Evangelien